Die Sonne war gerade aufgegangen an diesem frischen Septembermorgen in Oberbach, einem kleinen Dorf, idyllisch am Fuße des Sonnwendjochs gelegen.
Noch lag der Nebel in den Senken und hüllte den tiefgrünen Föhrenwald ein, der sich zu beiden Seiten der schmalen, kurvenreichen Landstraße erstreckte. Weiter unten im Tal von Abwinkl ging dieser in einen gesunden Mischwald über, dessen Laubbäume sich bereits verfärbten, als erstes Zeichen der beginnenden dritten Jahreszeit.
Hier oben aber war der Bestand an Föhren seit über hundert Jahren nahezu unverändert geblieben. Der beinahe undurchdringliche Forst schien Oberbach in gewisser Weise vor der Welt zu verstecken. Folgte man der Landstraße bergan, dann öffnete sich unvermutet der Blick auf das Dorf.
Oberbach zählte an die hundert Seelen. Die meisten Familien lebten bereits seit Generationen hier. Das freie Bauerntum, einst eine der Säulen, auf denen der Freistaat Bayern fußte, hatte Tradition und wurde nach wie vor gepflegt.
Rund um den Markplatz scharten sich ansprechende Häuser im Gebirglerstil. Nichts wirkte aufgesetzt oder nur noch rein folkloristisch, wie es in Gegenden mit viel Fremdenverkehr häufig der Fall war.
Oberbach konnte mit einer kleinen Pension aufwarten. Die Reinbacher-Zenzi führte das Haus mit dem halben Dutzend Fremdenzimmern seit vierzig Jahren. Viele Gäste hatte sie freilich nicht, denn der Ort war in keinem Pauschalkatalog oder Reiseportal zu finden.
Oberbach war jedoch ein Geheimtipp unter Freeclimbern. Die Sportler kamen im Sommer gern her, denn an den meisten Steilwänden suchte man vergebens nach Haken oder anderen Steighilfen. Alles aber ursprünglich, darauf bestanden die Oberbacher, denn »modernes Graffel« kam ihnen nicht in ihre Natur. So gab es auch keine Skilifte oder Hütten. Wintersport fand nur auf Loipen statt, die man selbst spuren musste, was wiederum eine kleine, aber treue Fangemeinde anzog.
Jetzt, im beginnenden Herbst, hatte Zenzi ihre Pension geschlossen und widmete sich der Ernte in ihrem großen Gemüsegarten hinter dem Haus. Und auch auf den Höfen rund ums Dorf wurde das eingefahren, was der liebe Herrgott den Sommer über hatte wachsen lassen.
Vier große Betriebe gab es im Umland von Oberbach, der größte und schönste Hof gehörte Ferdinand Baumgartner. Der Bauer führte den Erbhof in der dritten Generation. Das Anwesen lag sozusagen direkt vor den Toren des Dorfes.
Bevor man Oberbach erreichte, bog eine Privatstraße zum Schwalbenhof ab. Ferdinands Großvater hatte den Hof so nach den ersten Bewohnern benannt, die noch vor Mensch und Nutzvieh eingezogen waren: einer Familie Mehlschwalben. Der Name war kunstvoll auf dem Eichenbalken über der Haustür eingeschnitzt und dazu die Jahreszahl1921 , das Jahr, in dem der Hof