: Sven Heuchert
: Das Gewicht des Ganzen Roman | Trauerroman, Freundschaftsroman, Naturroman
: Ullstein
: 9783843729055
: 1
: CHF 17.10
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Im späten Licht rückte die Wildnis näher an sie heran. Die Grenzen von Leib und Erde verwischten. Etwas Altes wuchs zusammen.'??  Jeder hat sein Bündel zu tragen, doch das Gewicht des Ganzen trägt allein die Mutter. Milla hat sich nach dem Freitod ihres Sohnes nach Kanada zurückgezogen. Sie hat ihre Spedition aufgegeben und den Mann, mit dem sie ein halbes Leben zusammen war. In einem alten Haus mitten im Nirgendwo versucht sie weiterzumachen. Sie lernt Russ kennen, einen Antiquitätenhändler, als sie einen Revolver versetzen will, den sie unter einer Treppendiele gefunden hat. Zwischen beiden entsteht etwas, das man eine Freundschaft nennen könnte, das aber zugleich mehr und weniger ist als das. Bis sich ihre Wege wieder trennen.  In glasklarer Prosa erzählt Sven Heuchert die universelle Geschichte von Verlust, Trauer und Neuanfang. In einer Welt, die kein Heilsversprechen mehr bereithält, dafür aber die echte Chance, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. 

Sven Heuchert wurde 1977 im Rheinland geboren und lebt heute bei Köln. Seine beiden Noir-Romane Dunkels Gesetz und Alte Erde wurden von der deutschen Presse begeistert aufgenommen. Das Gewicht des Ganzen ist sein literarisches Debüt.  

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Russ

Ich wurde vor 200 Jahren im glasklaren Wasser des Roblin Lake geboren und bin von allein ans Ufer gekrochen. Meine Mutter erzählte jedem, der es hören wollte, dass meine Haare bei meiner Geburt blau gewesen waren.

Mein Großvater hieß Paul, ein Nachkomme englischer Kolonisten. Er wurde in einer kleinen Stadt an der Mündung des Trent River geboren, der im Ontariosee aufgeht und den die Mississauga alsSangichiwigewonk kannten, was so viel wie schnelles Fließen bedeutet. Nach der Schule begann er bei Adanac zu arbeiten, Kanadas erstem offiziellen Filmstudio, wo er die fertig entwickelten Rollen beschriftete und aus dem Archiv ins ganze Land verschickte.

Ein paar Jahre später nahm er eine gut bezahlte Tätigkeit in der nahe gelegenen Munitionsfertigung derBritish Chemical Company an. Dort stand er am Ende einer langen Tischreihe und verpackte Munition. Immer fünf Patronen in einen Ladestreifen, drei dieser Streifen in ein Päckchen. An Thanksgiving des Jahres 1918 explodierte die Fabrik. Eine fehlerhafte chemische Reaktion war der Grund. Von offizieller Seite wurde zwar verlautbart, dass es keine Todesopfer zu beklagen gebe, doch zwanzig Arbeiter holten ihren ausstehenden Lohn niemals ab.

Nach diesem Thanksgiving ging Paul keiner geregelten Arbeit mehr nach. In manchen Sommern zog es ihn bis nach Neuengland, wo er bei Krabbenfischern anheuerte, dann in den hohen Norden, in einsame, von der Zivilisation abgeschnittene Camps, wo er mächtige Bäume von Hand fällte. Nach allem, was ich gehört habe, war er ein ziemlicher Trinker und hatte Schlag bei den Frauen. In seinen frühen Dreißigern wurden die Magengeschwüre chronisch. Nach einer Operation am Zwölffingerdarm spuckte er Unmengen Blut und starb drei Wochen später an Sepsis, schwängerte vorher jedoch noch eine gerade volljährig gewordene Krankenschwester namens Lita. Sie taten es in der Abstellkammer neben dem Krankenbett, nicht im Bett! – die Geschichte seiner Zeugung erwähnte Lita meinem Vater gegenüber mehrfach, als sei das auf eine seltsame Art bedeutsam.

Mein Vater erzählte viel, aber nur selten über seine Kindheit. Wenn es gar nicht anders ging, erfand er Lügen, die er mir gegenüberweiße Lü