: Friedrich Wilhelm Graf
: Ernst Troeltsch Theologe im Welthorizont
: Verlag C.H.Beck
: 9783406790157
: 1
: CHF 26.20
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 671
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ernst Troeltsch (1865 - 1923) ist einer jener Riesen, auf deren Schultern so viele Gelehrte stehen, dass ihr eigenes Bild unscharf wird. Der renommierte Theologe, Historiker und Troeltsch-Experte Friedrich Wilhelm Graf verleiht in seiner meisterhaft geschriebenen Biographie einem Theologen, Soziologen, liberalen Politiker und Zeitdiagnostiker scharfe Konturen, den die Frage umtrieb, wie sich Religion und Moderne - trotz aller Widerstände von beiden Seiten - in ein zeitgemäßes Verhältnis zueinander setzen lassen. Weit über Leben und Werk Ernst Troeltschs hinaus ist seine Biographie ein bestechend klarer Beitrag zu einem bis heute virulenten Problem. Als Religionssoziologe und Historiker steht Ernst Troeltsch im Schatten seines Heidelberger Freundes und Kollegen Max Weber. Konnte er als Theologe überhaupt ein «wertneutraler» Sozialwissenschaftler sein? Oder war er gar kein richtiger Theologe? Beides zusammenzubringen irritiert bis heute und war doch, wie Friedrich Wilhelm Graf zeigt, Troeltschs ureigenes Anliegen, das für ihn politische Bedeutung hatte. Troeltsch erforschte die Kulturbedeutung der Religion, um den Protestantismus aus traditionellen kirchlichen und dogmatischen Bindungen zu befreien. Nach dem Ersten Weltkrieg trat er als liberaler Politiker für die Weimarer Republik ein und rückte in seinen berühmten zeitdiagnostischen Kommentaren die Probleme der Gegenwart in einen «Welthorizont». Graf rekonstruiert die lebens- und werkgeschichtlichen Konstellationen, die den liberalen Protestanten prägten, und erhärtet damit auf brillante Weise Ernst Troeltschs Überzeugung, dass sich die eigentliche Bedeutung einer Person oder Sache erst in ihrer konsequenten Historisierung erschließt.

Friedrich Wilhelm Graf ist Professor em. für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universitä München und Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Er war Vorsitzender der Ernst-Troeltsch-Gesellschaft und ist geschäftsführender Herausgeber der Kritischen Gesamtausgabe der Werke Ernst Troeltschs. Bei C.H.Beck erschienen von ihm u.a."Kirchendämmerung&qu t; (2013),"Götter global" (2014) sowie"Der Protestantismus" (2017).

Einleitung: Der Vielspältige


Reden am Sarg


Berlin-Wilmersdorf, Samstag, der 3. Februar 1923, mittags um 12.00 Uhr. Die große Haupthalle des erst neun Monate zuvor, am 11. Mai 1922, eröffneten Krematoriums ist überfüllt. Bedeutende Gelehrte und Künstler, einflussreiche Politiker und Journalisten, junge Wissenschaftler und zahlreiche Studierende sitzen und stehen dicht gedrängt auf engem Raum, um von Ernst Troeltsch Abschied zu nehmen – einem der damals bekanntesten, heute nur noch von wenigen erinnerten deutschen Intellektuellen. Seine Frau Marta, sein neunjähriger Sohn Ernst Eberhard und sein Bruder Rudolf sind im Wagen Paul von Hindenburgs, des einstigen Generalfeldmarschalls und künftigen Reichspräsidenten, zum Krematorium gefahren worden. Sie müssen durch die dicht gedrängte Menge der im Giebelbau der Vorhalle und auf dem Vorplatz Wartenden gehen, die keinen Einlass mehr finden können und der durch Lautsprecher übertragenen Trauerfeier draußen unter tief hängenden grauen Wolken folgen. Sie frösteln bei knapp acht Grad, starken Windböen und mehreren heftigen Regenschauern. Aber in der Halle ist es kaum wärmer.

Viele der Trauernden sind tief bewegt. «Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass kein Tod seit Jahren das geistige Deutschland mehr erschüttert hat als der von Ernst Troeltsch, dies geistige Deutschland, das doch immer noch der Kern Deutschlands ist und die Hoffnung künftiger Erneuerung», wird der konservative Politikwissenschaftler und Publizist Adolf Grabowsky im Märzheft der von ihm herausgegebenen ZeitschriftDas neue Deutschland schreiben.[1] In der Presse ist von einer «vielhundertköpfigen Trauerversammlung»[2] zu lesen.

Troeltschs plötzlicher Tod am frühen Morgen des 1. Februar hat selbst na