Berlin-Wilmersdorf, Samstag, der 3. Februar 1923, mittags um 12.00 Uhr. Die große Haupthalle des erst neun Monate zuvor, am 11. Mai 1922, eröffneten Krematoriums ist überfüllt. Bedeutende Gelehrte und Künstler, einflussreiche Politiker und Journalisten, junge Wissenschaftler und zahlreiche Studierende sitzen und stehen dicht gedrängt auf engem Raum, um von Ernst Troeltsch Abschied zu nehmen – einem der damals bekanntesten, heute nur noch von wenigen erinnerten deutschen Intellektuellen. Seine Frau Marta, sein neunjähriger Sohn Ernst Eberhard und sein Bruder Rudolf sind im Wagen Paul von Hindenburgs, des einstigen Generalfeldmarschalls und künftigen Reichspräsidenten, zum Krematorium gefahren worden. Sie müssen durch die dicht gedrängte Menge der im Giebelbau der Vorhalle und auf dem Vorplatz Wartenden gehen, die keinen Einlass mehr finden können und der durch Lautsprecher übertragenen Trauerfeier draußen unter tief hängenden grauen Wolken folgen. Sie frösteln bei knapp acht Grad, starken Windböen und mehreren heftigen Regenschauern. Aber in der Halle ist es kaum wärmer.
Viele der Trauernden sind tief bewegt. «Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass kein Tod seit Jahren das geistige Deutschland mehr erschüttert hat als der von Ernst Troeltsch, dies geistige Deutschland, das doch immer noch der Kern Deutschlands ist und die Hoffnung künftiger Erneuerung», wird der konservative Politikwissenschaftler und Publizist Adolf Grabowsky im Märzheft der von ihm herausgegebenen ZeitschriftDas neue Deutschland schreiben.[1] In der Presse ist von einer «vielhundertköpfigen Trauerversammlung»[2] zu lesen.
Troeltschs plötzlicher Tod am frühen Morgen des 1. Februar hat selbst na