»Wölfe sind cool«, sagte Paula. Meine allerbeste Freundin saß im Schneidersitz auf ihrem Bett. »Den schlechten Ruf haben sie völlig zu Unrecht.«
Ich nickte, während ich meine Position auf dem Sitzsack veränderte. Die Innenfüllung raschelte. Caruso, der orangefarbene Kater, der auf meinem Schoß geschlafen hatte, schreckte hoch, blickte mich mit seinen grünen Augen vorwurfsvoll an und gähnte, sodass seine spitzen Zähne zu sehen waren.
Ich streichelte seinen Nacken. »Alles gut«, versicherte ich ihm. »Kein Wolf im Zimmer. Du kannst weiterschlafen.«
»Ich vermute, dass Rotkäppchen am schlechten Ruf der Wölfe schuld ist«, überlegte Paula laut und grinste. »Obwohl ich überhaupt nicht verstehe, wie Rotkäppchen den Wolf mit der Großmutter verwechseln konnte. Ich meine, Rotkäppchen müsste doch gesehen haben, dass ihre Oma plötzlich einen Vollbart hat. Oder hat sich der Wolf rasiert, bevor er sich ins Bett gelegt hat?«
»Nass oder trocken – das ist die große Frage«, meinte ich und dachte an Papa, der stets ein Ritual mit seiner Nassrasur veranstaltete. »Vermutlich wird das für immer ein Geheimnis bleiben.«
»Tja, wie so vieles«, stimmte Paula mir zu und streckte die Arme aus. Caruso wechselte sofort zu ihr. Untreuer Kerl! Dabei hatte ich ihn mindestens eine halbe Stunde lang gekrault!
Ich beneidete Paula. Sie besaß Caruso, zwei Meerschweinchen namens Tick und Tack, ein Salzwasseraquarium und eine Voliere mit Sittichen. Außerdem gab es noch den Familienhund Cora, eine Schäferhund-Mischling-Dame. Seufz.
Ich dagegen durfte zu Hause kein einziges Tier haben wegen Papas angeblicher Katzenallergie. Pah! Daran glaubte ich nicht. Er reagierte überhaupt nicht allergisch, wenn ich ihn umarmte und mein Pullover voller Katzenhaare war. Ich vermutete, dass sich meine Eltern die angebliche Allergie nur ausgedacht hatten, damit sie mir kein Tier zu kaufen brauchten. Dabei liebte ich Tiere über alles!
Hätte ich mir mein Leben aussuchen können, dann hätte ich Paulas Eltern gewählt, und Paula wäre meine Zwillingsschwester. Aber leider war mir bisher noch keine Fee begegnet, die mir diesen anspruchsvollen Wunsch erfüllte. Noch einmal: seufz.
Ich hatte es wohl übertrieben, denn Paula sah mich schräg von der Seite an. »Was ist los mit dir, Sophie? Freust du dich denn gar nicht? Noch drei Wochen, dann sind Ferien, und wir fahren in das Naturcamp, juchhu! Zwei Wochen Wildnis, unter freiem Himmel schlafen, Spuren lesen, Wölfe beobachten …«
Auf das Camp freuten wir uns seit letztem Herbst. Wir hatten uns rechtzeitig angemeldet, denn die wenigen Plätze waren begehrt. Paula und ich würden Tag und Nacht zusammen sein, fünf Wochen lang. Erst das Camp, und dann durfte ich noch drei Wochen bei Paula verbringen. Meine Eltern würden sich in dieser Zeit ihren eigenen Traum erfüllen und eine fünfwöchige Kreuzfahrt machen. Eine Kreuzfahrt! Wo doch inzwischen hinreichend bekannt war, dass Kreuzfahrtschiffe die Meere und die Umwelt schlimm belasteten und eigentlich niemand, der die Erde vor dem Hitzetod bewahren wollte, eine solche Reise buchen sollte. Aber während Paula und ich uns für den Schutz von Natur und Umwelt engagierten, war das meinen Eltern völlig egal. Hauptsache, sie konnten ihren wohlverdienten Urlaub antreten, 14 Länder in fünf Wochen, All-you-can-eat und Bordprogramme inklusive. Und ja, sie hofften auch auf ein paar spektakuläre Polarlichter – falls es während der Reise überhaupt dunkel genug werden und sich die Lichter extra für meine Eltern im Hochsommer zeigen würden.
Ihre Pläne regten mich immer noch auf. Ich hatte tagelang, ja fast schon wochenlang mit ihn