2. Lebensfeier
»Mitten im Leben geschieht der Tod. Wir können vielleicht damit rechnen. Aber wir können uns nicht darauf vorbereiten. Der Tod geschieht, und wir müssen damit zurechtkommen, dass jemand gegangen ist und nicht wiederkommen wird.«
Bernds Vater Richard war zu einem kleinen Mann geworden, schmal und mit weißem Haar, doch er stand aufrecht, und noch immer strich er sich langsam selbst über den Kopf, als wolle er sich damit beruhigen; von der Stirn über den Hinterkopf bis in den Nacken. Er trug einen schwarzen Anzug, ein helles Hemd, keine Krawatte, er war heute nicht als Pfarrer hier. Er redete laut, denn es gab kein Mikrofon. Es strengte ihn an, sein ganzer Körper sagte das, seine Stimme auch. So oft hatte Ania ihn schon reden hören, reden sehen, aber das heute, das war etwas anderes.
»Bei Bernd hat niemand damit gerechnet. Die Nachricht hat uns alle zutiefst erschüttert. Nun sind wir hierhergekommen, um an ihn zu denken, nicht allein mit unserer Trauer zu sein und zu spüren, dass Bernd auf seine Weise noch immer bei uns ist. Er lebt weiter in uns, in unseren Gedanken und Erinnerungen, und es liegt an uns, wie viel Raum wir all dem schenken möchten.«
Weiterleben. Wie sollte das gehen, wenn nichts von ihm übrig war als Staub, gesammelt in dieser schlichten schwarzen Urne? Wenn es nur noch Bilder von ihm gab und das, was sie über ihn wussten, was sie mit ihm erlebt hatten, eben das, was sie Erinnerung nannten?
Ania lehnte sich an die Wand hinter ihr und wollte doch eigentlich nur weg, die Kapelle verlassen, nicht weiter Richards Worten zuhören müssen, nicht auf den Rücken, den gebeugten Kopf von Bernds Mutter schauen müssen, nicht nach Louise suchen und vor allem nicht immer wieder das Bild betrachten müssen, das neben der Urne stand.
Viel zu müde war sie für all das hier.
Die Beklemmung, die sie schon auf dem Weg durchs Dorf begleitet hatte, wuchs. Es fiel ihr schwer zu atmen. Dabei wollte sie sich nicht verschließen, nicht so tun, als wäre das Vergangene vorbei. Erinnern wollte sie sich, an Bernd denken, um ihn weinen, mit ihm in Gedanken sprechen, doch all das lieber in Stille, im Alleinsein.
Warum brauchte sie dann diesen inszenierten Abschied? Niemand bis auf Ria hatte ihr dazu geraten, nicht mal Mutter oder Brit und auch nicht ihre langjährige Freundin Irene. Warum war Ania nach ihrem Nachtdienst nicht zu Hause geblieben, sondern in den nächsten Zug gestiegen, um hierherzukommen, an diesen Ort, den sie Zuhause nannte, nicht, weil es sich so anfühlte, sondern weil es immer so gewesen war?
Ania war plötzlich hellwach und voller Angst, fühlte sich all dem hier ausgeliefert. Warum ging sie nicht einfach? Es wäre wie ein Spießrutenlauf mit dem halben Dorf als Publikum, ja, aber was kümmerten sie die Gedanken der anderen hier?
Als sie in die Kapelle gekommen war, waren längst alle Sitzplätze belegt gewesen. Sie hatte sich neben einen älteren Herrn gestellt, den sie nicht kannte, der ihr aber freundlich zunickte. Der Geruch nach Staub und modrigen Blumen hatte sie umfangen, und sie hatte sich für einen Moment beschützter gefühlt.
»Lasst uns auf eine Reise gehen.«
Richard hob die Stimme, senkte dann kurz den Kopf, als müsse er sich sammeln.
»Bernd wäre im November