Kapitel 1
März 1995
Von den Mülltonnen her stank es nach Essensresten und abgestandenem Bier. Im Lichtkegel der Straßenlaternen wirkten die still wirbelnden Schneeflocken wie gefangene Glühwürmchen. Die kalte Luft schnitt in Bobbys Lunge, und er unterdrückte ein Keuchen. Er klemmte sich die Zigarette hinters Ohr und nahm einen Zug aus seinem Inhalator, dann steckte er sich die Zigarette in den Mund und zündete sie an. Der Schwefelgeruch des Streichholzes stach ihm in der Nase und ließ seine Augen tränen. Er wischte sich darüber und sah, dass hinter dem Zaun um die Ladezone jemand war.
»Wer zum Teufel ist das?«, fragte Bobby Luis.
Luis zuckte die Achseln. Bobby trat an den Zaun und schob die Finger durch den Maschendraht. Ein großer Weißer saß an der Ladekante eines roten Pick-ups im Schatten zwischen den Straßenlaternen. Er hatte die Knie an die Brust gezogen und seine kräftigen Arme darum geschlungen.
Bobby und Luis tauschten beunruhigt einen Blick. Bobby spürte die Geldrolle in seiner Hosentasche. Kurz musterte er Luis. Der dürre Aushilfskoch war einen Kopf kleiner und gut zehn Kilo leichter als er selbst. Wenn dieser Riese auf sie losging, war von ihm nicht viel Hilfe zu erwarten.
»Willst du wieder rein und vorne raus?«, fragte Bobby Luis.
»Nee, mein Auto steht hier hinten. Außerdem, Mann, sei keine Memme.«
Bobby zeigte ihm den Mittelfinger.Scheiß drauf, wenn dieserKnilch schon keine Angst hat … Er drückte gegen das Tor, das quietschend aufging. Ruckartig hob der Mann den Kopf und sprang von der Ladefläche.
Bobby und Luis blieben kurz stehen, dann gingen sie weiter. Sie versuchten, möglichst unauffällig einen Bogen um den Mann zu schlagen.Lass dir nichts anmerken, aber schau auch nicht hin. Er nickte dem Fremden zu und sah aus dem Augenwinkel, dass er mit konsterniertem Blick die Hände ausstreckte.
Luis und Bobby beschleunigten ihren Schritt.
»Yo, Bobby«, sagte er. »Wo willst du denn hin?«
Bobby blieb wie angewurzelt stehen. Er drehte sich um, sein Mund klappte auf. Die Zigarette blieb an seiner Unterlippe kleben. Aaron hatte sich den Schädel rasiert. Seine blassen Arme waren mit Tätowierungen übersät, die im Dunkeln nicht genau zu erkennen waren. Als er ein Feuerzeug anschnippte und die Flamme sein Gesicht beleuchtete, wurden Spuren von Gewalt erkennbar. Eine wulstige Narbe verlief schräg unter dem Auge, eine zweite zog einen Bogen vom Mundwinkel bis zur Nase. Entgegen seinem ersten Impuls sah er nicht weg, sondern kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen. Aaron ließ das Feuerzeug zuschnappen, und sein Gesicht verschwand wieder im Dunkeln.
»Heilige Scheiße«, sagte Bobby. »Jetzt schau dir diesen aufgepumpten Hulk an.«
Aarons Lächeln offenbarte große, strahlend weiße Zähne. Überrascht schnellte Bobbys Kopf nach hinten. Aarons Grinsen wurde schmaler.
»Jetzt schwing endlich deinen kleinen Arsch rüber«, sagte Aaron und breitete die Arme aus. Bobby trat näher und ließ sich von Aaron drücken. Bobby schlug ihm ein paarmal fest auf den Rücken, damit Aaron losließ, aber der drückte nur noch fester. Er stank nach Bier und Schweiß. Dann küsste er Bobby auf den Kopf. Bobby legte den Kopf in den Nacken, und Aaron sah ihm in die Augen.
»Ich hab dich echt vermisst, Mann«, sagte er.
»Schon gut, schon gut«, sagte Bobby. Mit einem Lachen schob er Aaron von sich weg. »Lass mich endlich los, du Schwuppe.«
»Hör mir bloß mit dem Scheiß auf«, sagte Aaron und versetzte Bobby einen spielerischen Stoß. Trotz Aarons halbherzigem Lächeln sah Bobby in dessen Augen etwas aufblitzen, und er erinnerte sich an den ersten Tag im Besucherzentrum.Dämlich. Er hatte schon den Mund geöffnet, um sich zu entschuldigen, als Luis von der offenen Fahrertür seines Wagens rief.
»Bobby! Bis morgen, oder?«
Lässig winkte ihm Bobby zu. Luis atmete scharf ein und stieg ein. Leicht schwankend ging Aaron zu seinem Pick-up, auf dessen Ladefläche ein leeres und ein halb volles Sixpack standen. Aaron setzte sich auf den Rand und malte mit der Stiefelspitze in den Schnee. Als Luis wegfuhr, setzte sich Bobby neben ihn.
»Hast du’s jetzt mit den Bohnenfressern?«, fragte Aaron.
»Luis? Der ist okay«, sagte Bobby. Mit dem Ellbogen stieß er gegen Aarons Arm. »Einer von den Guten, Mann.«
»Aha.«
Bobbys Lächeln erlosch. Aaron zwinkerte und gab ihm den Ellbogenstoß zurück.
»Drei Jahre!«, rief Bobby und schlug ihm auf die Schulter. »Mein Gott, es ist echt gut, dich zu sehen.«
Mit einem Lachen griff Aaron hinter sich, um Bobby ein Bier zu geben. Der lehnte ab. »Wie, immer noch?« Bobby nickte. »Du bist doch volljährig geworden, Mann, und wir konnten’s gar nicht feiern.«
»Ist besser für mich, Mann. Das weißt du doch.«
»Komm schon, eins bringt dich nicht um. Drei Jahre, du hast es selbst gesagt. Wie oft komm ich denn aus dem Knast?«
»Hoffentlich nur dieses eine Mal.«
»Genau. Also, lass uns anstoßen. Außerdem ist Alkoholsucht doch nicht erblich.«
»Bist du bekloppt? Natürlich ist sie das.«
»Echt? Wie das denn?«
Aaron trank sein Bier aus und warf die Flasche ans andere Ende des Parkplatzes, wo sie klirrend zerplatzte. Im Schein der Straßenlaterne konnte Bobby Aarons Gesicht genauer betrachten. Seine Nase sah aus, als wäre sie nicht nur einmal gebrochen gewesen, und die Narbe unter dem Auge war so dick und wulstig, als wäre sie mit Stacheldraht genäht worden. In seinem Gesicht spiegelten sich aber nicht nur körperliche Wunden. Ein Schleier der Traurigkeit lag darüber, ein Überzug aus vielen schmerzlichen und erzwungenen Lächeln. Er knibbelte am Etikett einer neuen Flasche. Bobby drückte seine Schulter und schüttelte sie.
»Hey, Junge, alles in Ordnung mit dir?«
»Sieht man doch, oder?« Ein weiteres schmales Lächeln.
Bobby zuckte die Achseln. »Na ja, schon irgendwie.« Er klopfte auf den Pick-up. »Tolle Karre übrigens.«
»Mein Alter hat sie mir verehrt. Ein Willkommensgeschenk.«
»Ziemlich geiles Geschenk.«
»Er meinte, ich hätte es verdient.«
Sie lachten. Solange sie sich kannten, hatte Aaron sich kaum was verdient. Sein Vater war Investmentbanker, der viel Geld für den Wahlkampf von lokalen Regierungsvertretern spendete. Dafür kamen Vater und Sohn in den Genuss erheblicher Vergünstigungen. Strafzettel für zu schnelles Fahren verschwanden. Das Klauen von Comics hatte keine juristischen Konsequenzen.
Doch bei Drogenbesitz in einer Menge, die Handel nahelegte, ließ sich kein Auge mehr zudrücken. Und dazu pöbelte Aaron den Richter an. Eine lange harte Zeit stand ihm bevor.
Doch wurden es nur drei Jahre. Dazuzugehören hatte auch da noch seine Vorteile.
»Hey, ich freu mich echt, dich zu sehen, aber es ist scheißkalt hier. Lass uns irgendwohin fahren. Aber gib mir lieber die Schlüssel, du hast ja schon ordentlich getankt.«
»Nur noch eine Minute, okay?«, bat Aaron. »Ich war jetzt über tausend Tage drinnen. Die Luft tut so gut, Mann. Selbst wenn wir Hofgang hatten, fühlte sich die Luft da anders an. Als würde sie dreckig, sobald sie durch den Zaun kommt.« Er strich den Schnee vom Rand der Ladefläche. »Auf dem Weg hierher kam mir diese Kiste vor wie ein Sarg. Verdammt, willst du sie? Ich schenk sie dir.«
Ein paar vom Küchenpersonal waren im offenen Vollzug oder auf Bewährung draußen. Russell, der Geschäftsführer, war als junger Mann selbst im Gefängnis gewesen. Er erzählte oft, wie er die Kurve gekriegt hatte, nachdem er wieder rausgekommen war, und dass sie nicht denselben Fehler zweimal machen durften. »Ihr müsst kapieren, dass dieses System euch Jungs gar nicht mehr rauslassen will. Wer mal den Stempel Knacki auf der Stirn hat, kriegt ihn kaum wieder weg. Vor allem, wenn er so aussieht wie wir. Da suchen die nur nach einem Grund, um einen wieder einzubuchten. Ihr könnt die Gerichtskosten nicht berappen, weil’s für euren Putzjob nur Mindestlohn gibt? Zurück ins Loch. Ihr werdet mit einem Kumpel erwischt, der wegen irgendwas verknackt wurde? Zurück ins Loch. Und junge Schwarze haben nicht mal ’ne halbe Chance. Die Leute quatschen was von Verantwortung und wollen euch weismachen, dass ihr keine übernehmt. Dass ihr euch so ein Leben selbst ausgesucht habt. Und wenn ihr öfter in den Bau wandert, kann das auch passieren. Denn wenn ihr lang genug sitzt und richtige Scheiße erlebt, könnt ihr draußen nichts mehr mit euch anfangen, selbst wenn ihr euch was...