Am nächsten Morgen spürte Leah nur leichten Druck im Kopf. Gut, dass sie gestern nicht zu viel getrunken hatte. Nach einer ausgiebigen Dusche setzte sie sich mit einer Tasse Kaffee und ihrem Frühstücksmüsli an den Schreibtisch und fuhr den PC hoch, um die Mail von Herrn Wolfler zu öffnen. Sie klickte auf »Antworten«.
Sehr geehrter Herr Wolfler,
gern übernehme ich diesen Auftrag. Meine Konditionen finden Sie in meiner Honorartabelle im Anhang.
Er reagierte schnell. Zehn Minuten später hatte sie seine Bestätigung. Wunderbar, durch den kleinen Zeitdruckaufschlag würde sie damit eine schöne Summe verdienen. Entschlossen begann sie mit dem ersten Flyertext und war nach kurzer Zeit so in ihre Arbeit vertieft, dass sie alles um sich herum vergaß. Wie immer, wenn sie in die Feinheiten des Weinbaus einstieg, fühlte sie sich ihrem Vater nahe. In ihrer Kindheit hatten sie oft die Sommerferien in seiner Heimat verbracht und ihren Onkel besucht, der Kellermeister bei einer der berühmtesten Champagnermarken war. Den Geruch der Crayères, der unterirdischen Kreidestollen bei Reims, in denen der Champagner lagerte, verband sie mit wunderschönen Erinnerungen, und der typische, leicht gärige Traubenduft in den Kellern löste unweigerlich Wohlbefinden bei ihr aus. Der Effekt stellte sich auch ein, wenn sie an Texten arbeitete, die mit der Thematik zu tun hatten, so wie jetzt. Wahrscheinlich war das der Grund, weshalb sie ihre Arbeit so liebte.
Als das Telefon klingelte, schrak sie auf. Sie checkte die Nummer auf dem Display und ging ran. »Hallo Silvie!«
»Na, wie geht’s dir?«
»Prima. Ich habe einen neuen Übersetzungsauftrag. An dem sitze ich gerade.«
»Es tut mir so leid, dass ich gestern nicht kommen konnte.« Silvie wusste alles über Leah und sie alles über Silvie. Seit der Oberstufe im Gymnasium waren sie beste Freundinnen. Sie hatte Leah damals ein paar Jahre hintereinander zur Weinlese mitgenommen – meist im Elsass, weil ihre Großeltern von dort stammten. Sie hatte nicht lange gebraucht, um Leah zu überzeugen. Seit Silvie ein Kind hatte, war sie für Leah wie eine Heldin. Leah verstand nicht, wie sie es schaffte, den Familienalltag und ihren Beruf unter einen Hut zu bekommen. Sie schrieb immer noch für die größte Württembergische Tageszeitung und außerdem für mehrere Magazine, darunter das eine oder andere für Frauen.
»Ja, schade. Geht’s Kim wieder gut?«
»Geht so. Sie schläft noch. Du, sag mal, magst du nicht auf eine Tasse Kaffee vorbeikommen? Hier wartet eine Überraschung auf dich. Und ich kann ja nicht weg wegen Kim.«
In letzter Zeit schafften sie es selten, sich zu treffen. Leah schielte auf den Bildschirm und sah, dass sie ein ordentliches Stück weggearbeitet hatte. Eine Pause konnte nicht schaden.
»Super Idee«, sagte sie also. »Ich bin in ein paar Minuten bei dir.«
Silvie wohnte in ihrem Elternhaus im historischen Zentrum des Städtchens. Wenig später huschte Leah durch die angelehnte Eingangstür ihres Häuschens hinein und zog sie leise ins Schloss. Ihre fünfjährige Patentochter Kim hatte einen leichten Schlaf, und wenn sie krank war, wachte sie noch schneller auf. Leah schlich zur Küche, aus der sie leise das Radio hörte.
Silvie stellte gerade zwei Untertassen neben eine Schale mit Gebäck auf den Tisch. Sie sah Leah, kam auf sie zu und zog sie in die Arme. »Alles Liebe! Wie war die Karaokeparty?«
Während Silvie Kaffee aufbrühte, schilderte Leah, wie sie den Tag verbracht hatte. »Es war schön«, schloss sie, »nur eines nervt.«
»Was meinst du?«
Sie schnalzte mit der Zunge. »Die ewige Frage, warum ich Single bin.«
Silvie zog eine Braue hoch und schob ihr den Teller mit den Keksen hin. »Mach dir nichts daraus. Wahrscheinlich meinen sie es gut.«
»Kann sein, trotzdem fühle ich mich, als müsse ich mich rechtfertigen.« Silvie beobachtete sie über den Rand ihrer Tasse hinweg und schwieg. Leah machte eine vage Bewegung mit dem Arm. »Außerdem ist Tom gestern aufgekreuzt, stell dir vor! Und er wurde umso anhänglicher, je mehr er intus hatte.«
Silvie wusste, wie lange Leah gebraucht habe, um ihren Groll über Tom zu verarbeiten. Wie oft hatte ihre Freundin sie getröstet und ihr Papiertaschentücher gereicht, um sich die rotverheulten Augen zu wischen und die Nase zu putzen.
»Nicht wirklich, oder?« Silvie zog eine missbilligende Grimasse. »Warte eine Sekunde.« Sie sprang auf und verließ die Küche. Kurz darauf kam sie mit ihrem Notebook zurück. »Ich sagte doch, ich hätte eine Überraschung für dich …« Sie schob ihre Tasse zur Seite, öffnete das Notebook und fuhr es hoch.