: Matthias Becher
: Otto der Große Kaiser und Reich
: Verlag C.H.Beck
: 9783406792984
: 2
: CHF 19.90
:
: Mittelalter
: German
: 338
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Rom, 2. Februar 962 - Papst Johannes XII. erwartet den ostfränkischen König Otto I. und sein Gefolge, um ihn in der Peterskirche zum Kaiser zu krönen. Er wird die Fürsprache aller Heiligen und die Gnade und den Segen Gottes auf den Herrscher herabflehen, auf dass er weise, gerecht und siegreich die Kirche und das Reich schützen möge. Als Otto diese höchste Auszeichnung erfährt, die ein Laie im Diesseits erringen kann, herrscht er bereits seit 26 Jahren. Hinter ihm liegen schwerste Kämpfe - mit Familienangehörigen, mit Großen des Reichs und mit mächtigen Feinden außerhalb der Reichsgrenzen wie etwa im Jahr 955 mit den Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld.
Matthias Becher, Ordinarius für Mittelalterliche Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms- Universität Bonn, hat auf dem aktuellen Stand der Forschung eine spannende, faktengesättigte Biographie des ersten Kaisers aus dem sächsischen Geschlecht der Liudolfinger geschrieben, in der Herrschaft, Gesellschaft und Kultur des 10. Jahrhunderts wieder lebendig werden.

Matthias Becher lehrt als Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universitä Bonn. Er ist ein vielfach ausgewiesener Spezialist für die Erforschung des Frühmittelalters.

2. HERRSCHAFT UND GESELLSCHAFT IM 9. UND 10. JAHRHUNDERT


Als Otto zum Kaiser gekrönt wurde,beherrschte er seit fast26Jahren das Ostfrankenreich, das aus sogenannten Stammesprovinzen bestand – seiner Heimat Sachsen, Franken, Bayern, Schwaben und Lotharingien. Damit reichte seine Macht von der Maas im Westen bis an die Elbe im Osten und von der Nordsee bis in die Alpen hinein. Allerdings waren diese Gebiete äußerst dünn besiedelt. Nach vorsichtigen Schätzungen lebten etwa vier Millionen Menschen in den Grenzen seines Reiches, die sich darin aber nicht gleichmäßig verteilten.[1]Am Rhein war die Bevölkerungsdichte sicher größer als in den Mittelgebirgslandschaften, wo noch große Gebiete von Wald bedeckt und damit weitgehend unbewohnbar waren. Dort konzentrierte sich die Bevölkerung in sogenannten Siedlungsinseln und nur wenige, zumeist unbefestigte Straßen und Wege verbanden die besiedelten Gebiete miteinander. Allein der Westen, das sogenannte Lotharingien, war besser erschlossen und wirtschaftlich auch weiter entwickelt. Aber insgesamt handelte es sich beim Ostfrankenreich im Vergleich zu den anderen Regionen Europas und der Mittelmeerwelt – etwa zu Italien, Byzanz oder dem islamischen Spanien – um ein sehr rückständiges Gebiet. Vor diesem Hintergrund beeindruckt die Leistung Ottos umso mehr, da er dieses fragile Reich nicht nur zusammengehalten, sondern Italien hinzugewonnen und in Rom die Kaiserwürde erlangt hat.

Die meisten Bewohner seines Reiches dürften den Ereignissen, die sich Anfang Februar des Jahres962 in Rom zutrugen, nur wenig Interesse entgegengebracht haben. Gut95 Prozent von ihnen waren Bauern und vollauf mit der Sicherung ihres Lebensunterhalts beschäftigt. In rechtlicher Hinsicht waren viele von ihnen frei, aber stets in Gefahr, auf den Status von Unfreien abzusinken. Die Mehrheit der Bauern aber war damals wohl bereits unfrei und von einem Grundherrn abhängig. Über ihnen stand der Adel, der ebenfalls keine einheitliche Schicht bildete, sondern in sich nach Rang und Ansehen vielfach abgestuft war. Er stellte in politischer sowie militärischer Hinsicht die entscheidende Schicht innerhalb der Gesellschaft dar. Auf ihn stützte der König sich, wenn es um seine konkrete Herrschaftsausübung ging. Schließlich gehörten alle Amtsträger dem Adel an, und auch die meisten Angehörigen der hohen Geistlichkeit. Sie alle lebten von der Arbeit der Bauern, was bei der Darstellung mittelalterlicher Geschichte oft in den Hintergrund rückt, zumal unsere Quellen uns nur sehr allgemeine Einblicke in das Leben der einfachen Leute gewähren.

Die Arbeit der Bauern war außerordentlich anstrengend und bestand jahraus, jahrein aus den gleichen Tätigkeiten: Pflügen, Säen, Ernten. Insbesondere das Pflügen war eine kraftraubende und überaus mühselige Tätigkeit.[2] Oft musste der Boden zuvor noch mit dem Spaten vorbereitet werden, wozu viele Leute gebraucht wurden. Zum eigentlichen Pflügen wurde nach wie vor der schon bei den Römern bekannte Hakenpflug verwendet – der die Erdschollen wendende Pflug mit Streichbrett war zwar schon bekannt, aber nur wenig verbreitet. Der Hakenpflug ritzte den Boden aber nur auf, was zwar für die leichten Böden im Mittelmeerraum ausreichte, bei den schwereren Böden nördlich der Alpe