: Paula Körner
: Die Avocado-Perspektive
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783962154776
: 1
: CHF 6.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 350
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Anna ist eine von den Avocados dieses Planeten, eine von diesen jutebeuteltragenden unverbesserlichen Weltverbesserern. Finn ist eher eine Bratwurst, zumindest wenn man der alten Weisheit glaubt: 'Du bist, was du isst.' Alles, was er vom Leben will, ist Spaß. Bloß nicht zu viel Gefühlsduselei. Als er zufällig auf Anna trifft, gibt er sich kurzentschlossen als Veganer aus. Denn eigentlich will er sie ja nur ins Bett kriegen. Eigentlich...

Kapitel 1


Finn

FREE HUGS. LIEBE FÜR ALLE steht in schwarzen Großbuchstaben auf dem Pappschild direkt vor meiner Nase. Verdammt. Der Typ schon wieder. Das kommt davon, wenn man wie vernarrt auf seine Navigationsapp schaut. Man läuft irgendwelchen Irren in die Arme. Und von denen wimmelt es hier in Berlin nur so. Jedenfalls ist das mein ganz persönlicher Eindruck, der möglicherweise daher rührt, dass ich jahrelang in München studiert und durch den Umzug in die Hauptstadt gewissermaßen einen Kulturschock erlitten habe. Aber genau hier an dieser Straßenkreuzung mit der Bankfiliale, dem Bäcker und der leerstehenden Ladenfläche, wollte mich dieser Herr schon einmal umgrabschen.

„Eine Umarmung für Billy?“, fragt der korpulente Mann mit Haaren, die ganz sicher schon länger kein Wasser mehr gesehen haben, und dem penetranten Geruch nach Schweiß. Ich schüttle den Kopf, trete einen Schritt zurück und kann gerade noch einer unangenehmen Umklammerung entgehen.

„Liebe“, sagt er theatralisch und fasst sich mit beiden Händen auf die linke Brust. „Liebe ist so wichtig.“

Ich hole einmal tief Luft und wende mich beschäftigt meinem Smartphone zu. Der soll mich bloß in Ruhe lassen. Über den Rand des Telefons behalte ich ihn zur Sicherheit noch im Auge.

„Liebe für alle“, ruft er einer Gruppe vorbeischlendernder Passanten zu und sucht sich sein nächstes Opfer. Was haben sie nur alle mit dieser Liebe, denke ich noch. Tsss. Liebe ist was für Sentimentale und Träumer.

Der Grund, warum ich trotz Billy schon wieder diese Strecke gewählt habe, ist mein zweites Date diese Woche imFlamenco. Das ist eine neue angesagte Bar in der Gegend, auf die die Frauen anscheinend total abfahren. Und weil ich neu in der Stadt bin und mich voll und ganz auf Google Maps verlassen muss, bin ich ihm eben schon wieder in die Falle gegangen. Ich beschließe, meine Augen von nun an während des Laufens auf meine Umgebung zu richten. Von hier aus müsste ich den Weg auch allein finden. Es ist nur noch ein Katzensprung. Ich stelle mich an den Rand des Gehweges mit genügend Abstand zum Liebesmissionar und wechsle vom Navi auf Tinder, weil ich mich nicht mehr genau an ihren Namen erinnern kann. Irgendetwas mit englischem Touch. Da haben wir es: Alice. Und gleich eine neue Nachricht von ihr: „Freu mich auf dich“ mit drei Ausrufezeichen und Kuss-Smiley. Ich habe genug Erfahrung, um zu wissen, dass Frauen, die solche Nachrichten schreiben, am Ende doch viel anhänglicher sind als sie vorgeben. Ich erinnere mich noch zu gut an die Kleine mit den Locken, die mein Handy gehackt und mein