Kapitel 1
Zwei Wochen vor Ausbruch des Feuers
»Damit erwecken wir die Schmetterlinge zum Leben. Die anderen Damen werden Sie beneiden.« Louisa deutete auf die Steine, die in einer Schatulle auf dem Intarsientisch lagen. Mrs Keenan lächelte und Louisa wusste, sie hatte den Auftrag. In diesem Moment klopfte es an der Tür und ein etwa dreißigjähriger Mann stürmte in den Salon.
»Ich suche Vater. Er benötigt juristischen Rat für irgendwelche geheimnisvollen Transaktionen.«
»Dein Vater ist zu Hause?« Mrs Keenan wandte sich Louisa zu. »Hat Sie jemand in die Villa kommen sehen?«
»Der Butler.«
Erleichtert legte Mrs Keenan die Hände auf die Lehnen des mit blauem Samt gepolsterten Rollstuhls. »Gut. Mein Gatte muss nicht erfahren, dass Sie hier sind. Wobei – Ihr Englisch ist hervorragend, kein deutscher Akzent. Allerdings entspricht Ihre Aussprache nicht ganz der hiesigen. Wie das?«
Mrs Keenans Interesse an ihrer Vergangenheit wollte sie bestimmt nicht wecken, daher blieb Louisa tunlichst vage.
»Ich habe eine Zeit lang im Westen gelebt.«
»Sind Sie unter die Goldgräber gegangen?«, fragte Mrs Keenans Sohn.
»Nein.«
Er hob eine Augenbraue. Sein Blick glitt von ihrem Gesicht über ihr bestes Kleid und blieb an dem orangefarbenen Garn hängen, das sie in Händen hielt. Er wandte sich zum Gehen, wohl um weiter nach seinem Vater zu suchen. Da bemerkte er die Schmuckschatulle auf dem Tisch.
»Was macht ihr hier eigentlich?«
»Louisa ist eine wahre Künstlerin mit Nadel und Faden, Marc«, antwortete Mrs Keenan. »Sie wird meine Abendrobe mit Schmetterlingen besticken. Durch die angenähten Smaragde und Rubine werden sie glänzen und wirken, als wären sie lebendig.«
Louisa sah geradezu, wie bei Marc die Alarmglocken schrillten. Das Geläut vom Turm der Feuerwache war nichts dagegen. Er zog einen Stuhl heran und setzte sich neben seine Mutter.
»Darf ich nach Ihren Referenzen fragen, Louisa?«
»Ich habe für Miss Emma einen Schal bestickt. Sie war so freundlich, mich Ihrer Frau Mutter zu empfehlen.«
»Aha.« Marc Keenan lehnte sich zurück. »Und die Robe meiner Mutter wollen Sie mit diesen Juwelen bestücken.«
»Das ist korrekt.« Louisa blickte ihm direkt in die Augen.
»Nun, es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber Miss Emma ist eine sehr gutgläubige Person.«
»Sie unterstellen mir …«
»Ich unterstelle nichts. Die Steine sollten den Tresor nicht verlassen.«
»Dann wird es schwierig, sie anzunähen.« Louisa biss die Zähne zusammen. Das war ihre Gelegenheit, einen Fuß in die Tür der gehobenen Gesellschaft zu setzen, und dieser Marc Keenan vermasselte es ihr.
Er erhob sich. »Ich glaube, es ist besser, wenn Sie uns nun verlassen.«
»Ich wollte nicht respektlos sein, Sir.« Gerade jetzt brauchte sie den Auftrag so dringend. Sie suchte Unterstützung bei seiner Mutter. »Es tut mir leid, Mrs Keenan. Ich habe mich nur für einen Moment vergessen.«
Marc räusperte sich.
»Mrs Keenan, bitte!«
»Du bist doch ebenfalls oft impulsiv, Marc.«
»Mutter – ich halte das für keine gute Idee. Dein Kleid ist