Kapitel 1
Südwestküste Englands, Anno Domini 962
Alva zuckte zusammen, als Cobbert die Ochsen mit der Weidenrute auf die Rücken schlug, dass es nur so klatschte. Die störrischen Tiere weigerten sich, ihre Hufe auf die neue Brücke über den Waelcian zu setzen, und schwitzten in ihrem Joch mehr vor Angst denn vor Anstrengung.
„Verdammt, es ist nur eine Brücke, ihr dummen Viecher“, fluchte Cobbert, mittlerweile selbst schweißgebadet. Der Knecht fürchtete den Zorn seines Herrn, des Großbauern Aldar von Rodene, der auf seinem feurigen Braunen auf der anderen Seite auf und ab ritt. Das Pferd hatte die Brust bereits voller Speichel, kämpfte gegen die harte Hand seines Herrn und pflügte mit den Hufen die Erde, als gelte es, den Grund für die nächste Saat vorzubereiten.
Es war Herbst, die Erntezeit vorüber, und die Erde lag brach, um sich für die Aussaat im Frühjahr zu erholen. Speicher und Mieten waren gut gefüllt, und wie jedes Jahr forderte die Kirche ihren Teil. So waren sie nun unterwegs zum Kloster Saint Urban, wo auch die Großbauern von Rodene ihren Zehnt abliefern mussten. Auf dem Wagen hinter Alva und ihrer Mutter Ursula türmten sich Säcke voller Getreide, Kohl und Rüben, dazu geräucherter Schinken und Käse. Eine junge Kuh war an den Leiterwagen gebunden. Die Magd Tisla, die Schafe, Ziegen und Gänse zum Kloster brachte, war schon am frühen Morgen aufgebrochen. Doch wie es schien, würde die Familie das Kloster allenfalls am Nachmittag und mit großer Verspätung erreichen.
Während die fromme Ursula die Hände zum Gebet faltete und die Heiligen um ein wenig Mitgefühl anflehte, hielt es Alva nicht länger aus, einfach nur herumzusitzen. Sie raffte den Rock ihres blauen Festtagskleides, stieg an ihrem schlafenden kleinen Bruder Rothgar vorbei und sprang vom Wagen.
„Alva, komm sofort zurück!“, ereiferte sich ihre Mutter.
„Ich will hier nicht auf ewig versauern!“, entgegnete Alva, obwohl sie genau wusste, dass sie mit ihrem Ungehorsam den Zorn der Eltern auf sich lenken würde.
Unter Cobberts verblüfftem Blick und den empörten Rufen ihres Vaters trat Alva vor die Zugtiere. Die Augen der beiden Ochsen rollten in den Höhlen. Ihr Fell, das von den Knechten für diesen besonderen Tag poliert worden war, wirkte nun wieder stumpf. Für die Tiere schien die neue Holzbrücke dem Höllenschlund gleichzukommen. Hinüber mussten sie trotzdem, und Alva sah nicht ein, dass die beiden dummen Viecher ihr den schönsten Tag des Jahres vermiesten.
Sie erinnerte sich, was sie bei dem alten, erfahrenen Knecht Rupert gesehen hatte, schob die Ärmel hoch und fasste den Tieren mit beiden Händen in die glitschigen Nüstern.
„Jetzt kommt, ihr Sturköpfe!“ Sie drückte die Finger zusammen und zog. Der schwarze Ochse kämpfte kurz gegen sie und den Schmerz in den empfindlichen Nüstern an, dann standen beide Tiere mit den Hufen auf dem Holz, und es ging zügiger weiter.
„Na also, es geht doch“, sagte Alva triumphierend und rieb ihre feuchten Finger an der breiten Stirn der Tiere trocken.
Auf der Brücke war es selbst für ein schmale junge Frau wie sie zu eng, um auf den Wagen zu steigen, und so eilte Alva