: Thomas M. Bohn
: Der Vampir Ein europäischer Mythos
: Böhlau Verlag
: 9783412504175
: 1
: CHF 25.30
:
: Kulturgeschichte
: German
: 368
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In nahezu allen Epochen und Kulturen hat es Geschichten von Wiedergängern gegeben, die nach dem Tode ihr Unwesen treiben, oder von unheimlichen Blutsaugern, die nachts aus ihren Gräbern steigen und sich ihre Opfer unter den Lebenden suchen. Wie alle Mythen verändern sich auch Vampirgeschichten stetig und passen sich dem Zeitgeist an. So gilt seit dem Erscheinen des Dracula-Romans beispielsweise Transsilvanien, das 'Land jenseits des Waldes', irrtümlich als die Heimat der Vampire. Thomas Bohn hat sich mit den Fragen, wann und weshalb das östliche Europa zum Refugium der Blutsauger stilisiert wurde, auf die Suche nach den Ursprüngen des Vampirismus gemacht. Der Osteuropahistoriker folgt den Metamorphosen des Vampirs, indem er die Angst der kleinen Leute vor den Seuchenherden aufgeblähter Leichen von der Blutsaugermetapher der Gelehrten unterscheidet. Seine Reise in die Vergangenheit zeigt, dass das Bild des Blutsaugens im lateinischen Abendland lange vor der Entdeckung der Vampire im Donau-Balkan-Raum geprägt wurde. In diesem Sinne rehabilitiert dieses kenntnisreiche Buch den Vampir als einen europäischen Mythos.

Thomas M. Bohn ist Professor für Geschichte Osteuropas an der Universität Gießen.

1· DER VAMPIR ALS IMPERIALE KATEGORIE


„Man verstehet dadurch todte menschliche Körper,
welche aus Gräbern hervor spatzieren,
den Lebendigen das Blut aussaugen,
und sie dadurch umbringen sollen.“

ZEDLERS UNIVERSALLEXIKON, 1745

„… das ist der Name von angeblichen Dämonen,
die nachts lebendigen Körpern
das Blut entziehen und es Leichen übertragen,
denen es offenbar aus Mund, Nase und Ohren fließt.“

ENCYCLOPÉDIE OU DICTIONNAIRE RAISONNÉ, 1765

Bei der Definition des Vampirismus kreuzen sich bis heute Missverständnisse der Aufklärung mit Fehldeutungen der Romantik. Im Endeffekt werden dadurch stets aufs Neue negative Stereotype über das östliche Europa produziert. Woher kommt das?

In den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts revoltierten zuerst die Serben und dann die Griechen gegen die Herrschaft der Osmanen auf der Balkanhalbinsel. Von den nationalromantisch gesinnten Intellektuellen im übrigen Europa wurde diese Entwicklung mit Interesse und Sympathie verfolgt. Debatten über die mächtepolitische Konstellation gingen dabei einher mit der Stereotypisierung des exotischen Lokalkolorits. Im Begriff „Orientalische Frage“ fand dieser Diskurs einen symbolträchtigen Ausdruck. Weil aber seit der vergeblichen Belagerung Wiens im Jahre 1689 von einer „Türkengefahr“ nicht mehr ernstlich die Rede sein konnte, avanciert