Danke für die Scherben
„Die Decke kratzt.“ Sie sagt das beiläufig in eine Brise hinein, als hätte sie die abgewartet. Damit die den Satz auch bloß schnell davonträgt. Ihre Hände rücken die Sonnenbrille zurecht, das Kratzen muss sie an den Unterschenkeln spüren. Sie ist nur pflichtbewusst, indem sie das sagt. Wenn es keiner tut, kratzt die Decke auch nicht.
Er schätzt dieses Pflichtbewusstsein an ihr. Gefühle durch Worte zu beleben, einfach mal kurz Wirklichkeit daraus zu bauen, quasi nebenbei in eine Brise rein. Er teilt diese Wirklichkeit, er spürt jetzt auch, dass die Decke rau ist. Er hat sie daheim rausgesucht, für den Park, die Sonne und das Gras. Sie weiß das und legt es in ihren Satz, der ihm auch sagt: „Du kratzt.“
„Ich wusste nicht, dass wir andere haben?“ Er rettet sich ins Fragezeichen. Sie haben andere, das ist beiden klar. Sie sagt nichts, muss sie nicht. „Für den Park“, will er noch hinterherwerfen, doch da legt sie ihre Beine über seine, ihre Haut an seine. So sehr kann er sie nicht kratzen. Die Brise trägt es fort, verzögert nur.
Sie zieht sich ein wenig zu ihm ran, umfasst ihre Knie, die Sonnenbrille ist auf den Fluss vor ihnen gerichtet. Seine Hände im Gras. Jede Decke, wie sehr sie auch kratzen mag, ist besser als dieses Gras. So sitzen sie und er ist still, kein Wort soll sie von ihm vertreiben.
„Schon komisch, das zu sehen“, sagt sie, den Sonnenbrillenblick wohl auf die Menschen am anderen Ufer gerichtet. Dort grillen, planschen, kreischen sie. Abseits stehen Jugendliche um einen Bollerwagen mit wummernden Bässen.
„Dass Kinder spielen und Teenies rauchen?“
„Du weißt, was ich meine.“
Das weiß er, aber er will sie zappeln sehen. Tut sie aber nicht.
„Ich hab‘ den Übergang nicht mitgekriegt“, sagt sie.
Wie er so die vielen Leute sieht, sich in Armen liegend ohne Maske, da fehlt ihm auch der Übergang von ihrem Ufer zu dem der anderen.
„Was haben wir die letzten Monate eigentlich gemacht?“, fragt sie.
„Willst du lieber da drüben sitzen?“ Dort säßen sie nicht mit überkreuzten Beinen. In der Gruppe, als es noch Gruppen um sie gab, hielt sie selten besondere Nähe zu ihm.
„Ne, ist schon okay.“ Wieder eine Brise. Sie wendet den Kopf zum Himmel und lässt die Sonne an ihren Hals. Er würde auch gern dahin, an diesen Hals, aber sie schöbe ihn jetzt weg, denn die Sonne ist ja da. Also beherrscht er sich. Seine Stellung wankt auch so schon auf der kratzigen Decke an diesem okayen Flussufer.
„Ich erinnere mich kaum. An die letzten Monate, meine ich“, sagt er. „Ich weiß grad nicht mal, wie wir heute Morgen aus dem Bett gekommen sind.“
„Das ist es.“
„Was?“
„Wir lagen im Bett die letzten Monate.“
Er knüllt Grashalme in der Hand. Das Abstützen wird unbequem. „Denkst du, wir haben zu sehr aufeinandergehockt?“
„Ich weiß nicht.“
„Was wollten wir denn tun?“
„Heute wollten wir in den Park.“
„Hm, ja.“ Er erinnert sich nicht, dass sie das wollten. Aber er ist froh, dass sie es taten. Im Park hat ihre Berührung einen anderen Wert als im Bett.
Ein Schatten nähert sich. Daran klebt ein Mann, der ihnen zwei Biere entgegenstreckt. „Sorry, habt ihr Bock, die zu trinken?“ An dem Ohr des Biermanns baumelt die Maske. Der Wind müsste sie eigentlich auch forttragen. „Wir sind grad am Gehen und wollen die nicht mitnehmen, sind auch noch ein bisschen kalt.“
Der Schatten des Biermanns liegt auf ihr. Sie nimmt die Biere entgegen. Während des Austauschs und solange der Schatten auf ihr liegt, lässt sie ihre Beine in seinem Schoß. Er beobachtet die Beine, er achtet auf ihr Gewicht, ob es sich verlagert. Doch es bleibt.
„Schau mal auf das Label“, sagt er, als sie die Biere öffnet. Sie schaut. „Erkennst du es? Gibt’s ja gar nicht.“
„Sagt mir nichts.“
„Von der WG-Party, bei Goldfisch. Wie hieß der denn nochmal richtig? Jedenfalls hab‘ ich das Bier davor und danach nie wieder gesehen, nur auf dieser Party. Die hatten das da kistenweise.“
„Davor und danach“, sagt sie so leise, dass es keine Brise braucht. „Dort hast du die Scherben aufgelesen.“
Genau, die Party. Die von Goldfisch. Mit dem Bierbalkon und den glitzernden Diskokugeln in den Zimmern, wo niemand war, weil alle auf dem Gang und in der Küche standen, dicht gedrängt. Keiner bewegte sich vom Fleck, nur Goldfisch schwamm umher. Er kannte Goldfisch kaum, nicht mit echtem Namen oder war das ein Nachname? Er war nicht wegen Goldfisch da, sondern wegen eines Mädchens aus Völkerrecht I, das kommen wollte, so hatte er gehört. Es hatte ihn angelächelt, im Kurs, federleicht war das Lächeln durch den Raum zu ihm rübergeschwebt, doch als es bei ihm niederging, wog es schon Tonnen. Und dieses tonnenschwere Lächeln trug er mit sich. Er musste es nun bei dem Mädchen probieren. Das ProbierenMüssen spannte ihn an, weil daran AbgewiesenWerden hing. Wenn Frauen, die ihn anlächelten, von ihrem Freund redeten, dann fühlte er sich vom Probieren-Müssen befreit. Dann fielen ihm die Tonnen von der Brust. Er hoffte bald, dass Völkerrecht I nicht kam oder wenn, mit Freund.
Das Bier war zum Kühlen auf dem Balkon deponiert. Davor die Raucher wie Wachhunde. Sie mussten einen passieren lassen, wenn man ans Bier wollte. Da war auch sie unter den wachhabenden Rauchern, nicht Völkerrecht I, in dem Kurs rauchte niemand, sondern eben sie. Er sah sie beim Passieren, Männerschultern um sie rum. Er blickte sie direkt an, kein Lächeln kam zurück. Er mochte ihr Gesicht.
Als er sein Bier hatte, zog ihn ein Typ beiseite. Mit Schnurrbart und Käppi, beides schimmerte wie Öl. Einer von Goldfisch, aber er war ja selbst einer von Goldfisch. „Hey, dich kenn’ ich doch!“ Ein Zeigefinger in der Luft, die Biere aneinander. „Na, cheers. Der Wahnsinn, das Bier, dass die das aufgetrieben haben.“
Er nickte. „Die wissen, was gut ist.“
„Du sagst es, Mann! Bist in Ordnung, Bruder.“
Sie rempelte ihn an, den Blick am Handy. Seine Bierflasche, fast noch voll, fiel auf eine Kante und zersprang.
„Sorry, fuck, könnt ihr die Scherben kurz aufheben? Meine Freundin hat ‘nen Notfall.“
„Wir sind nicht deine Bediensteten“, sagte der ölige Käppi-Typ und lachte. Sie war schon drinnen. Er aber las die Scherben auf und räumte sie beiseite.
Der Ölige schüttelte den Kopf. „Du weißt nicht, wie’s läuft, oder? Man muss Arschloch sein, und nett nur im Bett. Pass nur auf!“
Er passte auf. Später tröpfelten die Gäste aus den Gängen in die leeren Zimmer und machten Tanzflächen draus. Er sah sie dort, in einer Gruppe, fast nur Männer. Sie sah ihn auch, griff seinen Arm, zog ihn zu sich. Sie tanzten. Später kam sie zu ihm unter seine Jacke auf dem Balkon, die Zigarette glimmte an ihren Fingern im Dunkeln. „Danke für die Scherben“, sagte sie. Der Satz wog schwerer als jedes Lächeln. Völkerrecht I kam dann doch noch, mit Freund.
Als die Party abflaute, lud sie ihn auf einen Schnaps zu sich ein. Bis zu ihrer Haustür kam auch der Ölige mit, pausenlos am Quatschen. Sie wusste, wie man abwimmelte. Bei ihr tranken sie keinen Schnaps mehr und taten auch sonst nichts außer in ihr Bett zu fallen. Sie zog sich fast ganz aus und lag dicht an ihm, sie beide und ihr Bett schon in Tageslicht gehüllt.
Heute an diesem Nachmittag im Park tut sich das Licht schwer, sie beide zu umhüllen. „Du hast nie gefragt, was mit meiner Freundin war“, sagt sie. „An dem Abend.“
„Ich hab‘ ja die Scherben aufgelesen“, sagt er. Wieder in die Abwehr. „Was war denn mit der Freundin?“
Sie stellt das Bier weg, zieht die Beine von seinem Schoß und schlingt ihre Arme um sie. Dabei wäre er jetzt gern umschlungen, danke für die Scherben. Nun ist ihr ganzer Körper zum anderen Ufer hin gerichtet. Die Sonne blendet so grell über das Planschen und Lachen hinweg, dass man meint, man schaue durch einen Filter, wie bei einem Werbefilm. Jetzt muss nur einer die Bierflasche in die Sonnenstrahlen halten und das Label laut vorlesen, aber bloß nicht fallenlassen!
„Sie hat mich da im Stich gelassen, auf der Party. Nachdem ich mich um sie gekümmert habe. Mit irgendnem Typen abgerauscht. Ich war sauer, nicht nur ihretwegen. Scheißzeit. Und auf dieser Scheißparty kannte ich keinen. Außer meinem Dealer, also war ich drauf und mir wurde alles egaler. Dann hab‘ ich mir selbst einen Typen geschnappt, einen, der mich nicht die ganze Zeit belagert hat, und mit dem binich abgerauscht. Hauptsache nicht alleine schlafen.“
Ihr Sonnenbrillenblick...