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Er tastete sich einen dunklen Korridor entlang, hinter sich ein schabendes Geräusch. Er drehte sich um, konnte jedoch im Düstern nichts erkennen. Wo war er? Er fühlte sich orientierungslos und zunehmend hilflos. Obwohl er immer schneller ging, kam das Geräusch näher. Geradeaus, nur geradeaus verlief der Weg, die Dunkelheit wurde beinahe schwarz. Nun musste er die Arme nach vorn strecken. Es war stockfinster und er sah nichts mehr. Das Geräusch kam näher, wurde lauter, klang wie das Kratzen von Metall auf Steinboden, eher schleifend als klackernd. Unheimlich. Besorgniserregend. Ihm brach der Schweiß aus, er lief los, hinein in ein Nachtschwarz, wie er es nicht kannte. Arme voraus, rennen, atmen, kurzatmig werden. Angst. Laut nun das Geräusch, unmittelbar hinter ihm. Ein kalter Lufthauch …
Schreiend wachte Alex Sorger auf. Wie immer, wenn er diesen Traum erleiden musste. Dabei träumte er diese Szene seit vielen Jahren so regelmäßig, dass er sich nach dem Aufwachen mittlerweile fragte, warum ihn diese surreale Situation so ängstigte. Sein Leben als Privatermittler hielt kaum Aufregendes bereit. Weder war er in den letzten zehn Jahren in eine tätliche Auseinandersetzung verwickelt gewesen noch in eine Verfolgungsjagd. Seine Waffe war neuerdings eine Canon EOS RP mit bestechender Bildqualität, leicht und kompakt, und der blitzschnelle Autofokus half ungemein bei den Schnappschüssen auf die abenteuerlustigen Männer, denen er im Auftrag der betrogenen Ehefrauen auflauerte.Mal sehen, dachte Alex und schälte sich aus dem zerwühlten Bett,ob es sich bei Bülent Atasoy um einen Durchschnittskunden handelt oder ob sein spurloses Verschwinden einen ernsteren Hintergrund aufweist.
Während er duschte, erinnerte er sich an den Besuch der verängstigten Ehefrau, die ein idealisiertes Bild ihres Gatten gezeichnet hatte, sowie daran, dass seine erste, oberflächliche Recherche an Atasoys Arbeitsplatz zu keiner Erkenntnis geführt hatte. Wobei er bisher lediglich einen kleinen Rundgang durch die Chirurgische Klinik hatte unternehmen können, ehe er sich mit Olga und Sonja hatte treffen müssen. Beim Gedanken an Olga, die junge Anwältin, die ihn vor drei Jahren in einem Verfahren wegen Hausfriedensbruchs herausgehauen hatte und mit der er seitdem befreundet war, lächelte er. Sie hatte ihn gestern Abend damit überrumpelt, ihm Sonja als ihre Freundin vorzustellen. Aber irgendwie war er kaum überrascht: Er hatte schon seit längerem das Gefühl gehabt, dass sie nicht übermäßig an Männern interessiert war. Zumindest nicht, seit ihr Lebensgefährte und Kletterpartner Marco, den er leider nie persönlich kennengelernt hatte, auf tragische Weise verunglückt war.
Sonja schien ein außergewöhnlicher Mensch zu sein, in den man sich durchaus verlieben, den man aber auf jeden Fall sympathisch finden konnte. So war es gestern nicht bei einem Kirschweizen in Olgas Lieblingsgrillbar in der Maxvorstadt geblieben. Als sie sich kurz vor Mitternacht verabschiedet hatten, hatte Alex den Überblick über die genossenen Alkoholika verloren, aber interessante Einsichten gewonnen. Einerseits waren sie sich einig geworden, das Ergebnis ihrer aktuellen Recherchen über Horbacher und Schusternagel nicht tatenlos im Raum stehen zu lassen, sondern der Gerechtigkeit auf die Sprünge zu helfen. Andererseits waren sie zu einer zukunftsweisenden Übereinkunft für eine nachhaltige Zusammenarbeit gelangt: Sowohl Sonja als auch Olga wollten ihn im Fall des vermissten Bülent Atasoy unterstützen.
Beschwingt stieg er aus der Dusche, zog sich an und machte sich auf den Weg in sein Büro in der Innenst