Kapitel 1
Die Scheibenwischer mühten sich vergeblich gegen die neuen Schneefälle. Von Minute zu Minute wurde die Sicht schlechter, nicht zuletzt, weil sich allmählich auch der Abend ankündigte. Als eine heftige Windböe Claudias Wagen beinahe von der Straße fegte, traf sie eine Entscheidung. Sie fuhr rechts ran und zückte ihr Smartphone.
„Adrian? Was für ein Glück, dass ich dich erreiche. Kannst du mir entgegenfahren? Adrian? Hallo? Hörst du mich?“
Kaum noch Netzempfang, doch Adrian war von seinem Hausanschluss zu verstehen. Ein paar Kilometer weiter wäre es damit vorbei, wie Claudia aus Erfahrung wusste. Funknetze machten auch bei besserem Wetter einen großen Bogen um seinen Landsitz.
„Bei dem Schnee würde ich ungern weiterfahren, wenn die Straße nicht geräumt ist!“, rief sie ins Smartphone. „Und schon gar nicht mit der Kiste, die ich gerade fahre. Kannst du mich abholen? Im Gasthaus des Dorfes vor dem Wald? Hallo? Adrian? Bist du noch da?“
Auch wenn sie ihn jetzt nur abgehackt hörte, gewann Claudia den Eindruck, dass er ihre Bitte verstanden hatte. Ja, es war alles in Ordnung, beteuerte sie. Ja, sie befand sich im letzten Hort der Zivilisation vor seinen Ländereien, dem einzigen Dorf im Umkreis von vielen Kilometern. Und ja, sie würde hier auf ihn warten. Claudia beendete die Verbindung und ließ ihren Wagen in den leeren Parkplatz vor dem Wirtshaus rollen. Die Fahrt hatte sie zunehmend angestrengt, und nun einfach bequem abzuwarten, bis Adrian sie mit seinem Geländewagen oder Unimog abholen käme, war eine verlockende Aussicht. Dreißig Minuten später, während sie in der muffigen Schankstube allein an einem Tisch ihren zweiten Tee trank, kam Adrian in Anorak und schweren Stiefeln schließlich zur Tür herein. Er schlug die Kapuze zurück und strahlte sie sehnsüchtig an.
Das schulterlange schwarze Haar steckte im Anorakkragen, seinen einstigen Bart hatte er sich nicht nachwachsen lassen. Vor dem alten Wirt und der Handvoll Gäste – garantiert Einheimische, denn Touristen verirrten sich bestimmt nicht hierher – wollte Claudia keine große Szene machen und sah deshalb davon ab, ihm um den Hals zu fallen. Adrian grüßte die anwesende Schar und wurde ihrerseits flüchtig begrüßt, dann verließen er und Claudia die Schankstube. Den Begrüßungskuss holten sie kurz darauf im Fond seines eindrucksvollen Unimogs nach.
„Bitte bleib nie wieder so lange fort, hörst du?“, flüsterte Adrian zärtlich, als sich ihre Lippen voneinander lösten.
Claudia schmunzelte. „Adrian, es waren gerade einmal sechs Wochen.“
„Es waren sechs Wochen zu viel“, erwiderte er und schickte noch einen Kuss hinterher.