Im Jahre 1203 nach Christi Geburt: Neues Land im Osten
Ein kräftiger feuchtkalter Wind trieb am niedrigen Himmel graue Wolken von der Nordsee her über das flache Marschland. Hin und wieder brachten Windstöße ein paar Regentropfen, manchmal kam für wenige Minuten sogar die Sonne heraus. Aber sie konnte Anfang März mit ihrem fahlen Licht noch nicht wärmen, und so gab es in der Dithmarscher Landschaft auch nur das wenige Grün, das noch aus dem vergangenen Jahr übrig geblieben war.
Am Rand des Dorfes Weslingburen stand die kleine Kate der jungen Familie Michaelssen, in der Karl mit seiner Elisabeth und den beiden kleinen Töchtern Anna und Barbara lebte. Nach der Sonntagsmesse war Elisabeth mit den beiden Mädchen noch zu einer Nachbarin gegangen, denn Karl hatte sie darum gebeten, weil sein Freund Jochen Dethloff Sorgen hatte und um ein ernstes Gespräch, vielleicht auch Hilfe gebeten hatte. Die Bauernhöfe der beiden Familien Michaelssen und Dethloff grenzten im Dorf unmittelbar aneinander, so waren die beiden jungen Männer schon seit den ersten Kindertagen eng miteinander befreundet. Nun saßen sie vor der Kate auf einer einfachen Bank und Karl wartete geduldig, bis Jochen zögernd das Gespräch begann.
„Gestern am Nachmittag und Abend war die Familie Jungmann bei uns zu Besuch. Johanna Jungmann und ich wollten bei dieser Gelegenheit den beiden Familien unsere Heiratspläne mitteilen – schließlich kennen und lieben wir uns seit langer Zeit und alt genug sind wir wirklich.“
„Ja gut, aber das weiß doch sowieso jeder im Dorf, dass ihr beide zusammen seid, oder?“
„Ich dachte ja auch, es sei eine reine Formsache und alle würden uns nur zu unseren Plänen beglückwünschen. Aber es kam anders. Irgendwie muss mein Vater vorher davon Wind bekommen haben, denn er bat gleich bei der Begrüßung allgemein um Gehör und verkündete seine Festlegung zur Zukunft des Bauernhofs der Familie Dethloff. Danach soll der Hof auf keinen Fall geteilt werden – obwohl er eigentlich dafür groß genug wäre. Auch soll er nicht mir und meinem Bruder gemeinsam gehören, sondern nur mein Bruder Paul soll künftig der Herr sein. Ich darf als Knecht auf dem Hof arbeiten und soll angemessen versorgt werden.“
„Aber Jochen, das ist doch in den meisten Fällen so üblich. Auch ich werde den Hof der Familie Michaelssen ja nicht erben, sondern ich lebe mit Elisabeth und den Kindern in dieser kleinen Kate und arbeite als Großknecht auf dem Hof meines Bruders. Du und ich, wir beide sind nun mal die Jüngeren und haben unsere älteren Brüder.“
Jochen Dethloff antwortete nicht gleich, sondern nickte ein paarmal nachdenklich mit dem Kopf, bevor er weitersprach.
„Ja, ja, das weiß ich selbstverständlich, damit musste ich schließlich immer rechnen, obwohl ich mit einer etwas besseren Stellung durchaus manchmal geliebäugelt hatte. Es hätte ja auch bestimmt niemandem wehe getan, wenn ein kleiner Teil des Hofes in meine Verantwortung gelangt wäre. Aber das eigentlich Schlimmste habe ich noch gar nicht erzählt.“
„Was kann schlimmer sein, als nichts zu erben?“
„Es ist die Reaktion meiner lieben Johanna. Von dem Augenblick dieser Mitteilung an kümmerte sie sich nur noch um meinen Bruder Paul, war ständig bei ihm und machte ihm schöne Augen. Schon beim Abendessen erhob sich Johannas Vater, der alte Friedrich Jungmann und verkündete die Verlobung seiner Tochter mit dem Bauern Paul Dethloff.“
Diese Nachricht war auch für Karl so überraschend, dass er eine ganze Weile darüber nachdenken musste. Schließlich begriff er, was die beiden Familien seinem Freund angetan hatten.
„Das kann nicht so ganz spontan geschehen sein. Wahrscheinlich hat deine liebe Johanna ihrem Vater vorher von eu