: Horst D. Schulz
: Schifferstreit Ein historischer Roman aus der Zeit 1565-1611
: Spica Verlag
: 9783985030989
: 1
: CHF 19.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 426
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Im Jahre 1323 hatte die Stadt Rostock das kleine Fischerdorf Warnemünde vom Landesfürsten gekauft. Mehr als zwei Jahrhunderte lang ging alles gut. Man war sich nicht im Wege. Aber als der kleine Ort begann, auch Seehandel zu betreiben, wurde er zur Konkurrenz. Die mächtige Hansestadt machte jetzt von ihrem Eigentumsrecht Gebrauch...

Horst D. Schulz wurde 1942 in Warnemünde geboren und verlebte hier seine Kindheit, bis ihn im Sommer 1954 die Republikflucht der Familie in den Westen Deutschlands führte. Stuttgart, Aachen, Berlin, Kiel, Bremen waren nun die Stationen seines Lebens. Von 1986 bis zu seiner Pensionierung 2007 leitete er als Professor das Fachgebiet Geochemie und Hydrogeologie an der Universität Bremen. Als Meeresforscher war er bei vielen Expeditionen mit dem deutschen Forschungsschiff Meteor im Südatlantik unterwegs. Er veröffentlichte seine Forschungsergebnisse in einer Vielzahl wissenschaftlicher Beiträge in Fachzeitschriften und im Lehrbuch »Marine Geochemistry« (Springer-Verlag). Bereits 2004 zog es ihn jedoch in die alte Heimat, und er lebt heute nach fünfzig Jahren arbeitsreichen Exils seit fünfzehn Jahren als schreibender Pensionär mit historischem Engagement wieder in Warnemünde.
  1. 22. April 1565, Ostern

Meine Fahrenszeit als Seemann begann bald nach meinem vierzehnten Geburtstag, nur wenige Tage nach dem Osterfest. Traditionell wurde seit Menschengedenken dieser wichtige Einschnitt im Lebenslauf eines Jungen in allen Warnemünder Familien mit großem Aufwand gefeiert. Besser als an die Feier erinnere ich mich jedoch an die vorausgegangenen langen und heftigen Streitereien, weil früher im Zusammenhang mit der Firmung der Beginn unseres Lebens als Erwachsene gefeiert wurde. Die in der alten katholischen Kirche übliche Firmung war aber nach den neuen Regeln des Herrn Doktor Martin Luther aus Wittenberg abgeschafft worden, und niemand wusste so recht, was anstelle dessen in unserer lutherischen Kirche mit den Mädchen und Jungen geschehen sollte.

Die Firmung war immer in einer besonderen Messe am Sonntag nach Ostern erfolgt. Der neue Warnemünder Pastor bestand aber darauf, dass es das Sakrament der Firmung nach der lutherischen Ordnung nicht mehr gäbe und schüttelte immer nur mit dem Kopf, wenn man ihn auf so etwas ansprach. Unsere Warnemünder Ältesten waren aber überzeugt, ohne einen ganz besonderen kirchlichen Segen sollten die jungen Menschen nicht in das selbständige Leben eintreten und schon gar nicht auf die großen und stets auch gefahrvollen Seereisen geschickt werden.

Die Lösung des Problems wusste schließlich ein gelehrter Herr von der Rostocker Universität. Er hatte erfahren, dass in anderen deutschen Landen eine evangelische Konfirmation gefeiert wurde, die nicht den Lehren des Doktor Martin Luther widersprach. Dazu mussten wir eine Zeitlang in der christlichen Heilslehre unterwiesen werden, und nach den Wochen des Unterrichts wurde geprüft, ob wir auch alles noch richtig wussten. Ich glaube, ich war bei dieser Prüfung einer der Besten, obwohl auch ich höchstens ein Viertel von all den vielen kirchlichen und biblischen Einzelheiten behalten hatte. Trotzdem haben alle bestanden, denn am Ende genügte es, wenn wir auf die Frage, ob wir an den Herrn Jesus Christus als unseren Erlöser von allem Bösen glaubten, mit einem kräftigen „Ja“ antworteten. Dann wurde uns im Gottesdienst am Sonntag vor Ostern, am Palmsonntag, als Segen und zur Vergebung unserer Sünden vom Pastor die Hand aufgelegt, und wir erhielten zum ersten Mal Brot und auch Wein des heiligen Abendmahles.

Groß feiern durften wir am Palmsonntag selbstverständlich noch nicht, denn es war doch der Beginn der stillen Karwoche. So gab es die große Konfirmationsfeier erst nach dem Gottesdienst des Osterfestes. Und dagegen, dass dann genauso gefeiert wurde wie früher bei der Firmung, dagegen hatte der Herr Doktor Luther schließlich nichts gehabt. Alle Verwandten und guten Freunde der Familie waren zur Feier eingeladen – das waren bei uns schon fast vierzig Personen.

Damit tauchte aber schon das nächste Problem auf, denn wir waren in unserem Jahrgang in Warnemünde neunzehn Konfirmanden, acht Mädchen und elf Jungen. In manchen Familien gab es etwas weniger, in anderen aber auch noch mehr Gäste als bei uns, so dass an diesem Tag fast alle Warnemünder irgendwo eine Konfirmation feierten. Manche waren auch bei zwei, drei oder sogar vier Familien eingeladen. Die mussten ihre Beteiligungen dann sorgfältig auf die verschiedenen Mahlzeiten in den unterschiedlichen Häusern verteilen, denn so eine Einladung konnte man selbstverständlich nicht ausschlagen. Das wäre als sehr unf