Obwohl Mstivoj sich sonst mit seinem Vater sehr gut verstand, hatte er sich heute doch über ihn geärgert. Nach seiner Ansicht ging es seinen Vater nämlich überhaupt nichts an, mit welchem Mädchen er sich nur unterhielt, mit welchem er ein wenig schäkerte, mit welchem er ins Bett ging, und welches er vielleicht irgendwann einmal heiraten wollte. Schließlich war er schon zwanzig Jahre alt und damit seit einiger Zeit volljährig. Sein königlicher Vater war eben immer noch der altmodischen Ansicht, man müsse in aller Form heiraten und könne erst dann Kinder in die Welt setzen.
Dass dieses kleine Baby mit dem Namen Mstislaw einmal sein Nachfolger werden konnte und damit auch für ihn wertvoll war, auf diese Idee war König Nakon offensichtlich vorher noch gar nicht gekommen. Aber Mstivoj hatte Mstislaw als seinen Sohn ganz offiziell anerkannt, und damit war er nach dem Gesetz der Obotriten voll erbberechtigt, obwohl er nicht legitim geboren war. Die Mutter des Kindes hieß Merana und war die Tochter eines Ritters aus Nakons Reitertruppe. Zuerst hatte Mstivoj sie sogar zu seiner Ehefrau nehmen wollen, aber dann gab es Probleme damit, dass Merana und ihr Vater auf keinen Fall einer christlichen Heirat zustimmen wollten. Mstivoj und Nakon befürchteten aber mit einer heidnischen Verbindung die inzwischen ganz guten, aber immer noch empfindlichen Beziehungen zu den Sachsen zu gefährden.
So blieb das Verhältnis zwischen den beiden Eltern ungeklärt, und Mstivoj merkte nach einiger Zeit, dass es sich auch so durchaus leben ließ. Merana war mit dem kleinen Mstislaw in das Herrenhaus der Mikelenburg umgezogen, und da Mstivoj und Nakon sowieso oft längere Zeit im Lande unterwegs waren, lebten sie und der kleine Mstislaw dort gemeinsam mit den beiden Königinnen Kalina und Zlata, sowie deren Tochter Ludmila. Nakon und auch Mstivoj hatten beide auf dem Umzug von Merana und Mstislaw ins Herrenhaus bestanden, weil sie wollten, dass der kleine Mstislaw von Anfang an als ein zukünftiger König der Obotriten aufwachsen sollte.
Dann folgte bei einer von Nakons und Mstivojs Reisen das Treffen mit Ibrahim ibn Yaqub, der aus dem fernen Córdoba in Andalusien kam und als Kaufmann, Arzt und Wissenschaftler die Länder bereiste, die sich, von seiner Heimat aus gesehen, ganz weit entfernt im Norden und Osten befanden. Ibrahim blieb einen ganzen Winter lang als Gast in der Mikelenburg, und mit vielen Geschichten und Berichten wurde es der seit vielen Jahren interessanteste Winter auf einer Burg der Obotriten. Endlich konnte auch der sonst so zurückhaltende jüngere Mstidrag zeigen, dass sein Interesse am Handel, an Exporten, Importen, Preisen, Gewinnen und Verlusten auch für das Land der Obotriten und seinen Handel mit südlichen Ländern ganz wichtig sein konnte.
Bald nach Ibrahims Abreise bat Nakon seinen Sohn Mstivoj zu einem vertraulichen Gespräch.
„Ich werde bald abreisen, und du sollst mich auf keinen Fall begleiten.“
„Wohin soll denn deine Reise gehen, und warum soll ich dich nicht begleiten?“
„Ganz einfach: Ich werde zu Mieszko und seinen Polanen reiten und mich dort an deren Kriegszug gegen die Nordmänner beteiligen, die sich in der Stadt Julin festgesetzt haben. Du wirst hierbleiben, weil ich dich vorher zum König der Obotriten ernennen werde. Als junger König hast du dann hier so viele Pflichten, dass du auf jeden Fall hier gebraucht wirst.“
„Aber wenn du zurückkommst…“
Hier fiel ihm Nakon ins Wort.
„Ich werde nicht zurückkommen, denn ich habe von Ibrahim ibn Yaqub erfahren, dass ich bald sterben werde. Da ist es mir viel lieber, als Krieger schnell und ehrenvoll zu sterben, als nach einem langen und schmerzvollen Krankenlager. Mach bitte kein so erschrockenes Gesicht. Es gibt keinen Grund, dass du dir Sorgen machst, denn du übernimmst das Königreich der Obotriten in guten und geordneten Verhältnissen, wir leben mit unseren Nachbarn in einigermaßen verlässlichem Frieden, und du hast in den letzten Jahren alles gelernt, was du als König der Obotriten wissen musst.“
Die wenigen Tage bis zu Nakons Abreise v