Kapitel 1
London
Mai 1812, etwa eine Woche vor der Hochzeit von Lady Amabel Cavendish mit Major Harold Westfield auf Millcombe Castle
Der ehrenwerte Mr Reginald Ashbourne stand am Rand des Gemüsemarktes von Mayfair und zweifelte an seinem Verstand. Auf dem lehmigen Boden vor ihm umschwirrten Fliegen einen verfaulten Salatkopf, und es stank nach Unrat. Das Treiben rundherum war ebenso hektisch wie laut und alle naselang rempelte ihn irgendjemand an, der sich mit vollbeladenen Kisten an ihm vorbeidrängen wollte. Warum war er sich bloß so sicher gewesen, dass ersie hier finden würde, und wie kam er überhaupt auf die Idee, einer verheirateten Frau nachstellen zu wollen? Verheiratete Geliebte waren doch bisher ausschließlich Elliots Metier gewesen. Seine eigene Vorliebe galt den jungen Witwen um die dreißig, die keinen Ehemann mehr hatten, der wütend seine Wege hätte kreuzen können.
Andererseits, so rechtfertigte er sich vor sich selbst, war Edgar Prestwood nicht nur verabscheuenswert, sondern auch kein ernst zu nehmender Gegner. Leider aber auch der Gatte jener Dame, die Reginald zwar erst kürzlich zum ersten Mal gesehen, die aber seine Gedanken seither nicht mehr losgelassen hatte. Prestwood war ein Nichts. Ein Emporkömmling der übelsten Sorte, ein selbstgerechter Trinker, unangenehm und verschlagen. Wäre er nicht der Vormund von Lady Amabel Cavendish gewesen, mit der sein Freund Major Harold Westfield in wenigen Tagen vor den Traualtar treten würde, er hätte ihn keines zweiten Blickes gewürdigt. Oder wahrscheinlich nicht einmal eines ersten. Dann hätte er Harold vor ein paar Tagen allerdings auch nicht in das Haus in der North Audley Street begleitet, um die Einzelheiten des Ehevertrags zu besprechen. Und das wiederum wäre höchst schade gewesen, denn dort hatte er sie getroffen. Sie, deretwegen er sich hier die Beine in den Bauch stand und sich zum Narren machte. Sie, die, einer römischen Göttin gleich, mit einem Korb voller Gemüse in der Eingangshalle aufgetaucht war. Eine großgewachsene, elegante Schönheit in einem edlen Kleid aus feiner, schwarzer Spitze. Die dunklen, dichten Haare waren aufgesteckt und von einem kleinen Spitzenschleier gekrönt gewesen, der ihr in den Nacken rieselte.
Sie hatten sich nur kurz unterhalten, als sie vermeinte, ihn vor ihrem Gatten warnen zu müssen. Seine Überraschung hätte nicht größer sein können, als sich herausstellte, dass sie Italienisch sprach. Reginalds Mutter stammte aus der Nähe von Neapel und hatte es zeit ihres Lebens geliebt, mit ihrem einzigen Sohn in ihrer Muttersprache zu parlieren, und so hatte er sich mit Mrs … mitihr auf Italienisch unterhalten können. Reginald hatte keine Ahnung, wie er die schöne Lady im Geiste nennen sollte. Es widerstrebte ihm zutiefst, von ihr als einer simplen Mrs Prestwood zu denken, und ihren Vornamen kannte er nicht.
Ein Scherenschleifer hatte in unmittelbarer Nähe sein tragbares Gestell aufgebaut und schreckte ihn nun mit lauten Rufen aus seinen Gedanken. Reginald ließ seinen Blick abermals über das Geschehen auf dem Marktplatz schweifen. Von der schwarz gekleideten Schönheit war noch immer nichts zu entdecken.Und wenn, so dachte er jetzt,was beabsichtige ich eigentlich zu tun, wenn ich ihr tatsächlich gegenüberstehe? Ich kann sie doch nicht gut einladen, mich nach Hause zu begleiten.
„He, du, denk nicht einmal daran, mir meine Äpfel zu klauen!“
Der Mann, der diese Worte schrie, war ihm so nahe, dass Reginald zusammenzuckte und reflexartig die Hände hob, um zu beweisen, dass er nichts derart Verwerfliches vorhatte. Dann atmete er tief durch und besah sich die Szene am Obststand neben sich und den großgewachsenen, mageren Jungen, dem die harschen Worte tatsächlich gegolten hatten.
„Das fiele mir nicht im Traum ein, Mister“, setzte sich der nun zur Wehr und hob trotzig das Kinn. Sein Akzent war so ungewöhnlich, dass Reginald nicht zuordnen konnte, aus welchem Teil des Landes er stammte. Die Kleidung aus einfachem Tweed war mehrfach geflickt, aber sauber. Eine zu große Kappe rutschte ihm über die Ohren, sodass er sie immer wieder zurückschieben musste, um die Augen freizubekommen. Ein hübsches, mit Sommersprossen übersätes Gesicht kam zum Vorschein. Wie alt mochte der Junge sein? Reginald schätzte ihn auf höchstens vierzehn.
„Ich schau sie nur an und schnüffle ein wenig, weil sie so gut riechen und mich an meine Heimat erinnern“, hörte er den Buben sagen. Die Sehnsucht, die in diesen Worten mitklang, war unüberhörbar.
„Geben Sie mir zwei von den roten!“ Reginald trat aus dem Schatten der Hauswand heraus und deutete auf die Früchte in der vordersten Kiste des Verkaufsstands. Der alte Händler starrte ihn an. Sein Mund klappte auf, als wollt