Kapitel 2
Needle leerte den Inhalt des Stoffbeutels auf eine Werkbank. Mit einer Pinzette schob er die heißen Metallteile hin und her, bis die scharfen Kanten sich zusammenfügten und ein unvollständiges Rechteck Form annahm.
»Du bist eins von diesen besonderen Schildern –Gedenktafel nennt man dich wohl«, sagte Needle. »Bloß dass dir unten ’ne Ecke fehlt.« Er nahm eine alte Haarnadel, die schon vor langer Zeit angespült worden war und keine besondere Geschichte zu erzählen hatte, und kratzte die letzten Schlammreste von den Buchstaben auf der Tafel.
»Wo bleibst du so lange?«, fragte er, als kurz darauf Elster durch ihre eigene kleine Mauerlücke geflogen kam. »Ich glaub, die Schatzgötter haben’s heute gut mit uns gemeint, Elster.«
Der Vogel sah ihn reglos an.
»Woran soll’s denn sonst gelegen haben? Das is’ die einzige Erklärung für diesen heißen Schatz, und für all die anderen feinen Schätze in unserer Kammer«, sagte Needle und schwenkte die Hand über Blechdosen und Holzkästchen voller Metallstücke, verzierter Knöpfe und handbemalter Porzellanscherben. Er deutete mit dem Kopf auf Gläser, die mit Überresten alten Schmucks, funkelndem Meerglas und anderen geheimnisvollen Gegenständen gefüllt waren, denen er erst noch Namen geben musste.
Natürlich waren das nicht alles Needles Funde – sein Vater hatte den Raum hergerichtet, damit siebeide ihre Schätze darin lagern konnten. Er hatte die leere Kammer über dem zweiten Brückenbogen in eine Werkstatt verwandelt, ausgestattet mit Regalen, einer Werkbank und einem Nest für Elster: einem dicken Regalbrett mit eingeschnitzter Kuhle, die mit angespülter Angelschnur und Zweigen gefüllt war. In dieser Kammer hatte er Needle beigebracht, wie man die Geschichten der Schätze hörte, und hier verwandelten sie gemeinsam längst vergessene Dinge in kleine Kostbarkeiten, um sie auf dem Markt zu verkaufen.
Elster ließ einen Scone aus dem Schnabel fallen und tschilpte wie ein junger Spatz.
»Bist du in der Bäckerei gewesen? Haben sie etwa Steine geworfen?« Besorgt ließ Needle die Haarnadel fallen, untersuchte die Flügel der Krähe auf Unversehrtheit und zählte ihre Krallen. Als Elster anfing zu schnurren, bekam er plötzlich Hunger und griff nach dem Scone. »Danke.« Seltsamerweise war er noch ganz warm, wie frisch aus dem Ofen, doch sicherheitshalber suchte Needle ihn nach grünem Schimmel ab. Erst als nirgends welcher zu sehen war, biss er hinein. Kaum sanken seine Zähne in die mürb-goldene Kruste, offenbarte sich seine fluffig-süße Köstlichkeit.
Als Needle aufgegessen hatte, sah er Elster fragend an. »Woher hast du den?« Einer von den Bäckerburschen hatte ihn wohl kaum gebacken.
Elster breitete die Flügel aus und fächelte ihm warme Luft zu.
Ohne sie weiter zu beachten, pustete Needle ein paar Krümel von den bronzenen Bruchstücken. »Was meinst du, was da steht, Elster?«, fragte er und spürte ein zunehmendes Schaudern. »Wo man den Königsschatz findet? Oder es ist vielleicht eins von diesen Zaubertrankrezepten?«
Elster krächzte.
»Vielleicht sagen die Buchstaben auch, dass du die beste Krähe der ganzen Stadt bist.« Er legte Elster sanft die Flügel an und nahm sie in die Hände. »Ich