Kapitel 1
Es lag eine Milde in der Luft, die einen warmen Tag in Aussicht stellte, wie in jedem Sommer in Oceanshare. Die Uhr schlug noch nicht ganz Mittag, als Vanelle an der Seite ihres Vaters am Pier des gewaltigen Hafens wartete. Er war geräumt und für die Zivilbevölkerung gesperrt worden.
Vanelle schluckte, doch der Kloß in ihrem Hals blieb an Ort und Stelle. Die Ruhe, die sie noch am Morgen erfüllt hatte, verflog zusehends. Gleichzeitig trieb die aufkommende Nervosität ihren Puls in die Höhe. Auch die leise miteinander scherzenden, die Marina zu allen Seiten säumenden Soldaten steigerten ihre Unruhe mit jedem Herzschlag mehr. Fast glaubte Vanelle, sie sprachen über sie: die kleine, schlanke Frau, das älteste Kind ihrer Sippe, die ruhelos von einem Bein aufs andere trat. Die überraschende Berührung einer Hand ließ sie zusammenzucken.
»Keine Sorge«, murmelte der junge Mann an ihrer Seite, Spinell, ihr kleiner Bruder, dem ihr wechselndes Mienenspiel offensichtlich nicht entgangen war. Zwar stand er steif neben ihr – Vater erwartete, dass sie Haltung bewahrten – was nicht hieß, dass er es sich nehmen ließ, seiner älteren Schwester einen Seitenblick zuzuwerfen. Seine ebenso hellen, blauen Augen leuchteten voll Belustigung auf sie herab, immerhin überragte er sie um einen ganzen Kopf. Mühsam unterdrückte er das Zucken seiner Mundwinkel, die ein Schmunzeln formen wollten. »Es wird alles gutgehen.«
Spinell Oceanshare, obgleich fast zehn Jahre jünger als seine Schwester, wurde eine andere Rolle zuteil. Der einzige Sohn und damit Erbe der Oceanshares trat bereits früh öffentlich in Erscheinung, ganz im Gegensatz zu Vanelle. Heute jedoch, an diesem für sie unglaublich wichtigem Tag, hätte er nicht hier sein sollen. Nicht, weil Vanelle es ihm missgönnte, sondern weil sie befürchtete, dass es gefährlich werden würde. Teilnahmslos blickte die junge Frau auf die gekräuselten Wellen, die brausend gegen den Steg spülten. Auch Vater wusste, was sie erwartete. Warum also bestand er darauf, Spinell mitzunehmen? Er würde sich im Falle einer Auseinandersetzung nur wenig verteidigen können, denn Vanelle übertraf die Fähigkeiten ihres Bruders in jeder Hinsicht. Sie kämpfte besser mit dem Schwert, wusste mehr über Schiffe, Seekarten und das Segeln. Sie schlug ihn im Nahkampf und sogar im Schießen, einer Disziplin, die ihr nicht sonderlich lag. Spinell hingegen vernachlässigte das Training häufig. Trotzdem durfte er Vater immer begleiten. Nur kurz spülte Neid, einer hohen Welle gleich, über Vanelle hinweg. Egal wie sehr sie sich anstrengte: Spinells Geburtsrecht stellte etwas dar, das sie niemals aufwiegen konnte. Ihr blieb lediglich die Aussicht, außerhalb der Stadt Anerkennung zu erringen – und so womöglich Vaters kalten Augen einen Hauch von Wärme zu verleihen. Die Gefühle zurückdrängend, blickte Vanelle auf. Die Sonne stand bald im Zenit. Es konnte nicht mehr lange dauern.
»Da drüben!« Ihr Blick flog zum Horizont. Ein kleiner Fleck schälte sich aus dem Blau zwischen Meer und Himmel heraus.
»Na endlich«, murmelte ihr Vater. Seine Hand wischte durch die Luft und bedeutete den Marinesoldaten hinter ihm, sich in Bewegung zu setzen. Die Matrosen förderten eine Kiste zutage, die mehrere von ihnen gemeinsam tragen mussten. Selbst von hier aus sah Vanelle die Schweißperlen, die ihre Hälse hinabrannen. Das massive Metall schützte das, was darunter verborgen lag: das Stammbuch ihrer Familie. Das Schloss klimperte, während sie die Kiste hinter Vanelle absetzten. Sie verzog keine Miene, als die ruhelosen Augen ihres Vaters auf ihr liegenblieben.
»Du weißt, was du z