1.1Arbeit und Arbeitsgesellschaft
Arbeit ist essenzieller Bestandteil des menschlichen Lebens. Zu jeder Zeit in der Menschheitsgeschichte wurde Arbeit verrichtet, wenngleich die Art und Weise, die individuellen und kollektiven Bedeutungszuschreibungen sowie die soziale Einbettung und gesellschaftliche Organisation von Arbeit historisch einem starken Wandel unterworfen waren (für einen vertieften Einblick in die Geschichte menschlicher Arbeit seit der Antike vgl. Bahrdt 1983, Mikl-Horke 2007:17ff. sowie die Beiträge in Kocka/Offe 2000). Die Zentralität von Arbeit für das menschliche Leben hängt zuvorderst damit zusammen, dass Menschen ohne Arbeit ihre Existenz und ihr Überleben nicht sichern und zahlreiche ihrer Bedürfnisse nicht befriedigen können, sie also gewissermaßen immer wieder aufs Neue gezwungen sind, Arbeit zu verrichten. Doch was ist Arbeit überhaupt, und wie lässt sie sich von anderen Tätigkeiten abgrenzen?
Aus soziologischer Perspektive kann Arbeit zunächst ganz allgemein verstanden werden als „jede zweckhafte Tätigkeit, die der Befriedigung materieller oder geistiger Bedürfnisse dient. Die Tätigkeit selbst kann dabei in körperlicher, manueller Arbeit und/oder in geistiger Arbeit bestehen“ (Mikl-Horke 2017: 24). Es handelt sich daher um alle Formen von Tätigkeiten, die zweck- und zielgerichtet sind und in irgendeiner Form nützlich für andere sind. Arbeit wird in vielen Kontexten in Interaktion mit anderen geleistet und ihr liegen häufig Kooperation und Arbeitsteilung zugrunde (ebd.). Daher ist Arbeit als Tätigkeit eine Form sozialen Handelns, das nach Weber verstanden werden kann als „menschliches Verhalten […], wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden“ (Weber 2010[1922]: 3). Dies bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass sämtliche Formen sozialen Handelns auch Arbeit sind. Machen zwei Freund:innen eine Fahrradtour oder gehen ins Kino, wird kaum jemand ernsthaft behaupten, dass es sich hierbei um eine Form von Arbeit handelt. Folgerichtig wird Arbeit zumeist von Formen der Freizeitgestaltung, des Müßiggangs oder des Spiels abgegrenzt (Hoose 2016: 52).
Diese Unterscheidung löst jedoch nicht automatisch alle Probleme, Arbeit begrifflich präzise zu fassen, denn es gibt zahlreiche Tätigkeiten, bei denen erst der Kontext der Handlung und die Intention der Handelnden darüber entscheiden, ob wir von Arbeit oder eher Freizeitgestaltung oder Spiel sprechen (Flecker 2017: 16f.; für eine detaillierte soziologische Verortung des Begriffes Voß 2018). Ob sich eine Gruppe von Jugendlichen nachmittags zum Fußballspielen verabredet oder diese Tätigkeit professionell zum Gelderwerb ausgeübt wird, ob eine junge Frau in ihrer Freizeit zu Hause Violine spielt oder dies als ausgebildete Musikerin in einem Orchester tut – offensichtlich entscheidet erst der Handlungskontext und subjektive Sinn der Handelnden über das Verständnis von Arbeit und ihre Abgrenzung von anderen Aktivitäten. Die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit sind hierbei häufig fließend: Das Toben mit dem eigenen Kind kann sowohl eine Form des Spielens in der Freizeit als auch einen Bestandteil der Erzie