Kapitel 2
»Darf ich dir nachschenken?« Lucas beruhigend tiefe Stimme drang wie von Watte gedämpft an Katherines Ohr. Anstelle einer Antwort schob sie ihr Saftglas über den Tisch und beobachtete, wie ihre Freundin es zur Hälfte mit gelbroter Flüssigkeit füllte.
»Danke«, murmelte Katherine und bemühte sich um ein Lächeln. Ihr Herz flatterte unstet, als ihr Blick auf den neben Luca ausgebreiteten Brief fiel. Bisher hatte ihre Freundin keine Reaktion auf die überraschenden Neuigkeiten gezeigt. Katherine nahm einen großen Schluck von ihrem Getränk, räusperte sich und sah Luca auffordernd an.
Nachdem der erste Schock verflogen war, hatte sie die Freundin sofort angerufen und gebeten, Baguette und Dip zu vergessen und stattdessen so schnell wie möglich vorbeizukommen. Kaum war Luca eine Stunde später durch die Tür getreten, hatte Katherine ihr auch schon das Schreiben des Nachlassgerichts in die Hand gedrückt.
Luca, besonnen wie immer, war mit dem Brief ins Wohnzimmer gegangen und hatte ihn sich in aller Ruhe durchgelesen. Danach hatte sie zwei Gläser aus der Küche geholt und einen Tetrapak KiBa aus den Untiefen ihrer Handtasche hervorgezaubert, dessen fruchtiger Geschmack sich nun auf Katherines Zunge ausbreitete. Als junge Mädchen hatten sie das Getränk geliebt und oft so getan, als würden sie einander mit karibischen Cocktails zuprosten. Vor allem dann, wenn eine von ihnen Kummer gehabt hatte. Dass Luca sich daran erinnert hatte, rührte Katherine.
»Und? Was sagst du?«, fragte sie nervös. Für gewöhnlich störte sie sich nicht daran, dass Luca hin und wieder in Gedanken versank und jedes ihrer Worte im Geiste sorgfältig analysierte, bevor es ihr über die Lippen kam. Heute jedoch war es mit ihrer Geduld nicht weit her.
»Es tut mir leid um deine Tante«, sagte Luca endlich. »Sehr sogar.«
Katherine nickte langsam. Tränen trübten ihr Sichtfeld und ließen das Wohnzimmer vor ihren Augen verschwimmen. Sie wollte nicht weinen, hatte es die ganze Zeit nicht getan. Trotzig wischte sie sich mit dem Handrücken über die Wangen.
»Mir auch. Trotz allem, was passiert ist. Oder – nein – gerade deswegen. Ich habe mich nie um eine Aussprache bemüht, aber immer im Hinterkopf gehabt, dass die Möglichkeit da wäre. Nun ist sie es nicht mehr … und das fühlt sich komisch an.«
Dreizehn Jahre. Dreizehn Jahre war es her, dass Katherine ihre Tante zuletzt gesehen und mit ihr gesprochen hatte. So oft hatte sie seither mit dem Gedanken gespielt, das vor ihrer Mutter geleistete Versprechen zu brechen und den Kontakt wieder aufzunehmen. Und doch hatte sie es nie getan.
»Oh, Süße, das glaube ich dir. Ich würde mich genauso fühlen.« Luca schenkte ihr einen verständnisvollen Blick.
Katherine schluckte den bitteren Geschmack der Tränen herunter, blinzelte ein paarmal und versuchte sich an einem Lächeln.
Eines der vielen Dinge, die sie an ihrer besten Freundin schätzte, war die Tatsache, dass diese auf Floskeln wie »Mach dir keinen Vorwurf«, »Es ist nicht deine Schuld« oder »Kopf hoch, das wird schon wieder« verzichtete. Sie hörte einfach zu und versetzte sich in die Lage desjenigen, dem es schlecht ging – etwas, das längst nicht jeder beherrschte.
Katherine atmete tief durch und trank erneut von ihrem KiBa.
»Was hältst du von dieser Sache mit dem Erbe? Ich meine, das ist doch total verrückt, oder nicht?«
»Ist es das denn?«, fragte Luca zurück. »Du hast ihr mal sehr viel bedeutet, Kate. Und nach allem, was du erzählt hast, hatte sie keine Kinder. Wen sollte sie sonst beerben?«
»Meine Mum vielleicht«, murmelte Katherine, obwohl sie es besser wusste. Mary – so der Vorname ihrer Mutter, bei dem Katherine sie als Teenager oft genannt hatte, wenn sie wütend gewesen war – war diejenige gewesen, die mit ihrer Schwester gebrochen und ihrer damals dreizehnjährigen Tochter ein Kontaktverbot auferlegt hatte, das Tante und Nichte von da an wirksam voneinander ferngehalten hatte. Sicher war Fiona bewusst gewesen, dass Mary lieber mittel- und obdachlos gewesen wäre, als unter dem Dach ihrer Schwester zu wohnen.
Luca hob die Brauen. »Ich sehe schon, du weißt selbst, dass das Blödsinn ist.«
»Mh. Kann schon sein.«
»Weißt du«, sagte Luca und sah Katherine aus ihren blauen Augen beschwörend an, »es gibt da doch diesen Spruch, mit dem du mich immer so gern genervt hast: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Die Tür zu Fiona hat sich vielleicht geschlossen. Aber dafür hat sie dir mit ihrem Haus eine geöffnet, die aus München wegführt. Was, wenn sie sich genau das für dich gewünscht hat?«
Katherine schnaubte. »Und w