1.
Edgar versucht locker zu schlendern und Oskar ahnt Schlimmes
Wenn Oskar zurückdachte, war das, was Faber die „mallorquinische Affäre“ nannte, bis zu einem gewissen Grad vorhersehbar gewesen. Aber wer denkt schon im Voraus zurück?
Faber mochte Oskar, wahrscheinlich, weil er in ihm seine Träume verwirklicht sah. Wann immer Faber den bumsagilen Vierziger auf der Straße sah, fasste er ihn am Ärmel und sagte: „Komm doch heute Abend vorbei und erzähl uns von deiner letzten Reise“, oder: „He, Abenteurer, wohin geht‘s diesmal?“
Island, sagte Oskar verlegen, glücklich, wenn mal ein weniger spektakuläres Reiseziel anstand. Oder: Südafrika. Und Faber verdrehte die Augen, riss den Mund auf und sagte: „Aaah.“
„Warum fliegst du nicht auch nach Island?“ fragte Oskar. „Oder Südafrika?“ Dann zuckte Faber die Achseln und sagte: „Das ist wahnsinnig weit weg.“
„Ach was“, widersprach Oskar. „Reisen sind heutzutage hervorragend organisiert.“
„Genau“, sagte Faber und verzog das Gesicht. „Organisiert. Ich hasse organisierte Reisen. Du fliegst zwölf Stunden, und dann geben sie dir zwanzig Minuten für eine Kathedrale, in der du vor Staunen nicht zum Beten kommst.“
„Dann flieg einfach los“, riet Oskar. „Organisiere nichts.“
„Das sagt sich so einfach“, entgegnete Faber. „Und wenn etwas passiert?“
Oskar grinste. „Hast du Flugangst?“
„Nur auf neuen Strecken.“
Der Fotograf zuckte die Achseln. Faber war das geborene Publikum, glücklicher Zuhörer und Zuseher. Ein Genießer in Gedanken. Faber hatte es gar nicht nötig, in die Ferne zu schweifen. Er ließ einfach Oskar auf Tour gehen und anschließend erzählen.
Dann lachte Oskar und versuchte sich loszureißen, doch Faber klammerte sich noch fester an seinen Ärmel und sagte: „Oskar, ich habe Familie, ich kann mir das nicht mehr leisten. Du, ja du ...“
Und in diesem „Du, ja, du“ verbargen sich, spürte der so Angesprochene, romantische Vorstellungen vom Leben als einsamer Wolf. Eine Braut in jedem Hafen, keine Probleme mit aufsässigen Kindern, die große Freiheit.
Wenn sie in Fabers Haus zusammensaßen und Inge Faber mit all ihrer mütterlichen Energie und Liebe aufkochte, für den einsamen Wolf, der daheim nur Tiefkühlgerichte verschlang und dauernd in Restaurants aß – das konnte auf Dauer nicht gesund sein –, versuchte Oskar manchmal, das Bild zu korrigieren. Haarscharf am Rand von Selbstmitleid und Melodram schilderte er seine Reisen als eine Abfolge schwieriger Momente, obwohl sich das, was ihn am schwersten bedrückte, nicht in Worte fassen ließ. Nicht gegenüber Johann und Inge Faber. Der einsame Abend in einem Hotelzimmer in einer unbekannten Stadt, Filmrollen auf dem Bett verstreut, Arbeit bis Mitternacht, und dann um fünf Uhr los für das am Vortag ausgek