2.
Der kurzen Rede langer Sinn
„Ich habe einen Kamm dabei, wenn du vorher noch schnell ...“
Jo warf Pfaff einen vernichtenden Blick zu.
„War nur eine Idee“, beschwichtigte Pfaff und erhob sich. „Dann wollen wir mal.“
Sigmar Brand saß allein an einem Tisch und studierte eine Mappe mit Dokumenten. Vor ihm standen zwei Gläser und eine Flasche Cognac. Er sah erst auf, als Pfaff sich mehrmals und in zunehmender Lautstärke geräuspert hatte.
„Herr Sigmar Brand.“ Pfaff breitete mit einer großartigen Geste die Arme aus. Wie Bill Clinton, dachte Jo, als er Rabin und Arafat zum historischen Händedruck zusammenführte. Aber wir wissen ja, was aus Rabin und Arafat geworden ist. „Darf ich vorstellen: Doktor der Psychologie Johann Arnold Fechtmeister, verantwortlicher Therapeut des Schützenkönigs der Bundesliga, Wladislaus Nemet, und wahrscheinlich einer der größten lebenden Seelenexperten unserer Tage.“
Brand musterte ihn ohne sichtbare Gefühlsregung, wies auf den Stuhl vor ihm und sagte: „Erfreut.“
Pfaff räusperte sich, rieb sich die Hände und bekam erst allmählich mit, dass an Brands Tisch nur ein Stuhl frei war, und dass auf diesem nun Jo Platz nahm.
„Herr Pfaff – Dankeschön“, sagte Brand und schickte den Angesprochenen mit einer Bewegung seines Zeigefingers zurück an den Tisch, an dem der Werkspsychologe des Firmenkonglomerats „Brand Diversity Group“ den zukünftigen Therapeuten der Cheftochter weichgequatscht hatte.
Leibeigener, dachte Jo. Er versuchte, ein ausdrucksloses Gesicht zu bewahren. Brand war ihm auf Anhieb unsympathisch, doch es gelang ihm, den Umstand der Erpressung im Giftstofflager seines Gemüts abzuparken. Nur mal zuhören, sagte sich Jo. Aus der Haut fahren kann ich nachher im stillen Kämmerlein.
Brand wirkte erstaunlich jung für einen Konzernlenker. Er war rundlich und hatte eine zart-rosa Haut und sein Gesicht strahlte die Gutmütigkeit, Gemütlichkeit und selektive Menschenliebe eines Landpfarrers aus. Die perfekte Tarnung für einen der härtesten Geschäftsmänner Deutschlands. Auch seine Stimme klang sanft, doch in dieser Sanftheit klang bereits Gefährlichkeit mit. Die Augen, wenn man Augen lesen konnte, verrieten ihn endgültig: Es waren nicht die seelenwarmen Tümpel eines Geistlichen, sondern die Radargeräte eines Raubvogels. Sein Blick wich nicht aus und lud nicht zum Mauscheln ein, sondern suchte, scannte, prüfte, forderte und dro