: Thomas Franke
: Das Mädchen, das nicht verschwinden wollte Roman
: Gerth Medien
: 9783961225613
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 272
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Miriam hat ihren beruflichen Erfolg hart erkämpft. Das fromme Weltbild ihres strengen Elternhauses hat sie jedoch längst abgelegt. Doch als alte Wunden aufbrechen, beschließt sie, sich einer neuartigen Therapie zu unterziehen, um ihre traumatischen Kindheitserfahrungen endgültig hinter sich zu lassen. Doch irgendetwas geht schief, und mit einem Mal sieht sich Miriam ihrem kindlichen Ich gegenüber. Fortan wird sie auf Schritt und Tritt von dem kleinen rothaarigen Mädchen begleitet, das niemand außer ihr sehen kann. Dies bringt nicht nur Miriams Berufs- und Privatleben gehörig durcheinander, sondern stellt auch ihre scheinbar so fest verankerte Weltsicht infrage ... Eine berührende Geschichte, die dabei hilft, die ungeheure Kraft des kindlichen Glaubens zu entdecken.

Thomas Franke ist Sozialpädagoge und bei einem Träger für Menschen mit Behinderung tätig. Als leidenschaftlicher Geschichtenschreiber ist er nebenberuflich Autor von Büchern. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. www.thomasfranke.net Foto: © Studioline Erlangen

Schuhlöffel und Pflegeengel

Morgenlicht flutete die Dachterrasse und zeichnete den scharfen Schatten eines ungenutzten Blumenkübels auf die rötlichen Bangkirai-Dielen. In den Kästen auf der Balkonbrüstung wucherte Löwenzahn. Eine winzige Blaumeise hüpfte von Kasten zu Kasten und suchte nach etwas Essbarem.

Miriam stand am bodentiefen Fenster ihres Wohnzimmers und ließ den Blick über die verwahrloste Terrasse schweifen, während sie an ihrem Cappuccino nippte. Vor gut zwei Jahren war sie hier eingezogen. Sie hatte Blumenzwiebeln gekauft, es aber noch nicht geschafft, sie einzupflanzen. Noch immer hingen keine Gardinen an den Fenstern, und im Schlafzimmer stapelten sich zwei Dutzend unausgepackte Umzugskartons.

Sie seufzte. Ob sie sich hier jemals zu Hause fühlen würde?

Im Inforadio wurde stockender Verkehr auf der Berliner Stadtautobahn A 100 gemeldet. Wenn sie die Rushhour vermeiden wollte, blieb ihr nicht mehr viel Zeit.

Miriam stellte den Kaffeebecher ins Spülbecken und eilte in die Diele. Nach kurzem Zögern entschied sie sich für die High Heels mit den Zwölf-Zentimeter-Absätzen. Zwar war sie mit ihren 1,76 Metern ohnehin keine kleine Frau, aber in ihrem Business konnte es niemals schaden, wenn die Männer zu ihr aufblicken mussten.

Sie trat hinaus in den Hausflur, schloss die Tür hinter sich ab und wollte sich gerade die Bluetooth-In-Ear-Kopfhörer in die Ohren stecken, als ein lauter Ruf durchs Treppenhaus hallte.

„Raus hier, aber sofort!“

„Frau Kühnemann, ich …“, erwiderte eine Frauenstimme besänftigend, wurde jedoch gleich wieder unterbrochen.

„Verlassen Sie meine Wohnung oder ich rufe die Polizei.“

Miriam verdrehte die Augen. Es war wieder einer dieser Tage … Um ihre Absätze bangend, hastete sie die Treppe hinunter und erreichte den dritten Stock im selben Augenblick, als Gerda Kühnemann, einen metallenen Schuhlöffel schwingend, auf die Fußmatte trat. Die Augen der betagten Dame starrten über die Lesebrille hinweg angriffslustig auf eine beleibte Mittvierzigerin, die ängstlich hinter dem Treppengeländer in Deckung ging.

„Was ist denn hier los?“, fragte Miriam im selben forschen Tonfall, mit de