2. Warum die Schulmedizin bei Erschöpfung ratlos ist
Es war ein eiskalter Februarmorgen; das erste Mal seit über einem Monat hatte ich es geschafft, zur Schule zu gehen. Zusammen mit meinen Mitschülern war ich nach den Weihnachtsferien zurückgekehrt, bereit für ein weiteres arbeitsreiches Schuljahr.
Nur eine Woche später erlebte ich jedoch einen weiteren schweren Anfall von chronischer Erschöpfung. Selbst in einer meiner besseren Phasen konnte ich nur wenige Stunden am Tag zur Schule gehen. Eines Nachmittags wollte ich an einer zusätzlichen Unterrichtsstunde teilnehmen und hatte mich dabei ein bisschen zu sehr angestrengt; ich brauchte einen Monat, um mich zu erholen und wieder mein mickriges Ausgangsniveau zu erreichen.
Als ich im Klassenzimmer saß und auf den Beginn der Ökonomie-Stunde wartete, stellte sich das übliche Gefühl der Einsamkeit ein. Ich hatte zuvor nie verstanden, wie man sich einsam fühlen kann, wenn man mit anderen zusammen ist, aber ich stellte fest, dass ich nichts mehr mit meinen Klassenkameraden gemein hatte. Ich konnte keinen Sport treiben, blieb nur selten zu den Mahlzeiten und konnte schon gar nicht an gemeinsamen Unternehmungen teilnehmen. Ich ließ mir nichts anmerken, aber oft war es schwierig, überhaupt etwas zu finden, worüber ich mich mit den anderen unterhalten konnte.
Erschwerend kam hinzu, dass ich erst seit sechs Monaten auf dieser Schule war und kaum jemanden kannte, weil ich so viele Stunden wegen der Krankheit verpasst hatte.
Eines Tages fragte mich ein Junge aus meiner Klasse, wo ich gewesen sei. Ich erklärte ihm, dass ich an einem chronischen Erschöpfungssyndrom litt; ich hätte einen Zusammenbruch gehabt und mich zu Hause im Bett ausgeruht.
Ich kann seine Antwort heute noch so deutlich hören wie damals: »Du Glückspilz – klingt für mich himmlisch! Ich wünschte, ich könnte ein paar Wochen im Bett liegen und mich entspannen.«
Mein Klassenkamerad wollte gewiss nicht unfreundlich sein; schlimmstenfalls war seine Bemerkung ein bissiger Scherz, aber sie hatte eine verheerende Wirkung auf mich. Es war ein weiterer Sargnagel für meinen Versuch, von anderen verstanden zu werden, und ich zog mich noch einen Schritt weiter in meine eigene innere Welt zurück.
Royal-Free-Krankheit
In den fast zwei Jahrzehnten, seit ich mit Menschen arbeite, die unter den verschiedensten und komplexesten Formen von Erschöpfung