Rosen
Der Regen tropfte aus Lenas Haarspitzen und rann ihre Schultern hinab. Wortlos ließ sie den Biomarkt hinter sich und folgte Tobi zum Auto, wobei ihre mittlerweile matschfarbenen Turnschuhe bei jedem ihrer Schritte ein schmatzendes Geräusch von sich gaben.
Tobi wischte, nachdem er ihre durchnässten Jacken und die Kamera im Kofferraum verstaut hatte, mit einer flinken Handbewegung Chips- und Keksreste vom Beifahrersitz.
»Voilà, Madame.« Er wies auf das noch immer krümelige Polster.
Mit einem tiefen Seufzer nahm Lena Platz.
Tobi startete den Motor. »Welch ein Reinfall! Wir sollten Frank sagen, dass wir nicht länger bereit sind, über solche Aktionen zu berichten. Dass die Eröffnung des gefühlt hundertsten Biomarkts in Hamburg kein Highlight sein dürfte, hätte er doch voraussehen können, oder?«
»Dabei sind wir noch weit entfernt vom Sommerloch.« Lena zuckte mit den noch immer feuchten Schultern. »Mal sehen, wie er heute Abend drauf ist. Wir wollen über die Online-Redaktion sprechen. Bin gespannt, was er von meinen Vorschlägen hält.«
»Na, ich erst mal. Es kann nur spannender als dieser Vormittag werden.« Tobi zwinkerte und wandte sich wieder dem Verkehr auf der B 5 zu.
Zwischen Daumen und Zeigefinger drehte Frank den Kugelschreiber, während Lena von der anderen Seite des Tisches zu ihm hinübersah. Der Bürostuhl unter ihr quietschte bei jeder Bewegung und ließ ihren Chef aufblicken.
»Lena«, er kaute auf dem Plastikgehäuse herum, »wie alt bist du jetzt?«
Sie zögerte kurz. »Sechsundzwanzig.« Unter dem Tisch malträtierte sie den Nagel ihres Ringfingers. »Warum –«
»Sechsundzwanzig. Und schon so viel gelernt.« Während Frank ihr ins Wort fiel, machte er eine Geste, als lüfte er einen Hut oder Zylinder. »Chapeau! Mit deinem Know-how kannst du ganz sicher für eine renommierte Online-Redaktion arbeiten.«
»Danke für das Kompliment.« Sie lächelte und richtete sich auf. Erneut quietschte der Stuhl, auf dem sie saß. »Frank, ich freue mich wirklich sehr und hab ganz konkrete Vorstellungen, wie wir die Redaktion erfolgreich aufbauen können.«
»Das glaub ich dir und traue dir das auch zu.« Für einen kurzen Moment verstummte ihr Chef, während er den Kuli betrachtete, den er erneut zwischen seinen Fingern hin und her rollte. »Allerdings bin ich keine Sechsundzwanzig mehr, ganz im Gegenteil. Wie du vielleicht weißt, stehe ich zwei Jahre vor der Rente, sodass ich mich«, er räusperte sich, »also, in Rücksprache mit meiner Frau …«
Sein Atem wurde schneller, den Blick hatte er starr auf den Kuli gerichtet. Lena befürchtete beinahe, sein Ende könnte Frank womöglich noch vor der Rente ereilen.
»Wie soll ich’s sagen?« Mit der Daumenkuppe wischte er über die glänzende Schreibtischplatte und würdigte sie keines Blickes. »Lena, ich habe mich gegen die Online-Redaktion entschieden.«
Ihr Kopf nickte wie bei einem Wackeldackel vollkommen ohne ihr Zutun.
»Und dein Vertrag läuft ja ohnehin bald aus.«
In Lenas Ohren setzte ein leises Rauschen ein, ihre Augen begannen zu brennen. Sie überfiel das Gefühl, als habe jemand von hinten beide Hände um ihren Hals gelegt.
Frank hob den Kopf und sah Lena in die Augen. »Nun schau nicht so traurig! In deinem Alter und vor allem mit diesen Qualifikationen hast du richtig gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.« Den Kopf wieder gesenkt, kratzte er mit dem Fingernagel über die Schreibtischunterlage. Das Geräusch mischte sich unter das Rauschen in Lenas Ohren.
Als Frank mit der Faust auf den massiven Tisch schlug, zuckte sie zusammen.
»Fort mit dem Trübsal! Ich stelle dich ab sofort frei. Gönn dir mal eine Auszeit, bevor du dich in die Bewerbungen stürzt!«
Lena starrte auf den Dreck unter seinen Nägeln, mit denen er sich soeben durch den Schnäuzer fuhr. Es ratsch