Kapitel Eins
Ekaterina
Zehn Jahre später
Die Qualität des Biologieunterrichts der Midtown Private Highschool hat während des Schuljahres um einiges nachgelassen. Mister Spooner redet ungefähr in derselben Geschwindigkeit, in der Nacktschnecken einen Berg hinaufkriechen. Ich hoffe wirklich, dass das mein letzter Kurs bei ihm ist und ich im nächsten Jahr einen anderen Lehrer habe. Genetik ist sterbenslangweilig. Anders als in Mathematik ergeben Minus und Minus hier kein Plus, sondern es bleibt meistens bei einem dicken Minus.
Etwas trifft mich am Hinterkopf, und ich fische eine kleine Papierkugel aus meinem Zopf. Ich brauche mich gar nicht umzudrehen, um zu wissen, dass sie von Keela sein muss. Natascha, die neben mir sitzt, räuspert sich leise und lacht in sich hinein, als Mister Spooner kurz den Faden verliert.
Nächstes Wochenende haben wir sturmfrei, und Niall plant eine große Party. Wehe, ihr kommt nicht!
Auch wenn ich nicht wie eine durchschnittliche sechzehnjährige Amerikanerin lebe, ist meine Freude über eine gute Party doch mindestens genauso groß. Ich stoße Natascha an und lasse sie an der Nachricht teilhaben, was sie mit einem erhobenen Daumen quittiert. Dann nicke ich Keela zu. Natürlich kommen wir.
Niall ist Keelas älterer Bruder und hat die Schule bereits verlassen. Im Abschlussjahr hat man ihn nicht oft zu Gesicht bekommen, weil die Iren ziemlich häufig in Europa waren und Niall zu dem Zeitpunkt schon voll ins Geschäft seines Vaters eingebunden war. Aber das ist nicht schlimm, sondern normal bei uns, und es ist auch nicht so, dass einer von uns den Schulabschluss wirklich für seine Zukunft benötigte.
Ich visiere die Zwillinge Liliana und Luca an. Die beiden könnten grundverschiedener nicht sein. Während Luca sich zu dem ein oder anderen geschmacklosen Scherz erdreistet, ist Liliana still und spricht eher wenig. Beide wirken ziemlich unnahbar und bleiben meist für sich. Die Party bei den Iren werden aber auch sie sich kaum entgehen lassen wollen, also ziele ich auf Lilianas Hinterkopf.
Mister Spooner bemerkt unseren Ungehorsam, sagt aber nichts. Er weiß genau, wer wir sind und zu wem wir gehören. Er weiß, dass ein falsches Wort ihn vielleicht nicht nur seinen Job kosten könnte.
Die Midtown Private Highschool in Manhattan gehört, wie auch so ziemlich der ganze Rest der Stadt, der Mafia. Neben zahlreichen Kids der normalen High Society, besuchen deswegen auch sämtliche Nachkommen aller Clans die Schule. Mein Vater sagt immer, dass sie das für uns tun, damit wir ein bisschen Normalität bekommen.
Da Besuche in Clubs für uns Mädchen nicht die Norm sind, zumindest war ich noch nie in einem, in denen Aleks und Sergej ihre Geschäfte machen, mag keine von uns darauf verzichten, auf eine der exklusiven Partys der Familien zu gehen. Diese Möglichkeit bestand auch nicht immer, aber seit vor zehn Jahren Frieden zwischen den einzelnen Clans geschlossen wurde, und alle unter der schützenden Hand von Tommaso Romano zusammenkamen, funktioniert es ganz gut zwischen uns. Normalität eben – ein bisschen davon.
New York ist unter vier großen Familien aufgeteilt. Ich bin eine Markow. Wir sind einer der zwei russischen Clans in der Stadt. Dann gibt es noch die Callaghans, eine ziemlich alte Familie, die zur irischen Mafia gehört. Zu ihnen gehören meine Freundin Keela und ihre Brüder Niall und Sloan. Die Iwanows sind der andere russische Clan. Meine Freundin Natascha ist eine Iwanow und natürlich Aleks. Und dann gibt es noch die Romanos, die zur italienischen Famiglia gehören. Si