Kapitel und Versuch #1: mit Worten
Heinz ist tot. Jetzt muss nur noch Klaus verschwinden. Ich weiß, das ist mein einziger Ausweg. Kim hat zu mir gesagt: »Edith, wenn du deinen Sohn loswerden willst, dann darfst du keine Zeugen haben und niemandem vertrauen.« Recht hat sie. Kim vertraue ich. Sonst niemandem.
Im November vor drei Monaten habe ich sie kennengelernt. Da war mein Mann fast ein Jahr hin. Wir trafen uns im Wald neben unserer kleinen Stadt, die mir vorkommt, als ende sie immer und überall an einer Autobahn, einem Fluss, einer Baumschule, eingesperrt bis auf diesen einen Weg durch das Wäldchen, durch das man in die Marsch gelangen und eine Ahnung davon bekommen kann, was Weite ist.
Es dämmerte bereits am Nachmittag und der Nebel verwob die kahlen Bäume zu einer grauen Wand. Es fühlte sich gut an, allein, abseits auf der Lichtung zu stehen. Sich abseits fühlen, kenne ich mein Leben lang. Aber ich bin nicht mehr allein, seit Paulchen da ist.
Als Kim und ich uns trafen, lebten mein Hund und ich erst wenige Wochen zusammen. Paulchens Hintern guckte aus einem der vielen Kaninchenlöcher, die den aufgeweichten Boden der Lichtung perforierten. Den ganzen Vormittag hatte es geregnet. Es war noch immer das Geräusch der Tropfen zu hören, wie sie auf die Blätter fielen, die sich unter ihnen neigten und sie von sich abgleiten ließen – ein sanftes melodisches Trommeln, so kam es mir vor. Wenn doch auch alles so leicht von mir abfiele, hatte ich gedacht und nach meinem Kleinen Ausschau gehalten.
Im Tierheim hatten sie mir damals nicht erzählt, dass Zwergpudel gerne jagen. Aber geändert hätte das nichts. Als Paulchen mich mit seinen schwarzen Knopfaugen über der ergrauten Schnute durch die Gitterstäbe des Zwingers anschaute, wusste ich, er ist genauso verloren wie ich.
Hier im Wald in Aktion bewundere ich den Kleinen täglich neu für seine Begeisterung, Ziele zu verfolgen, ohne einen Erfolg zu erwarten. Nie hat er etwas gefangen, jagt nur einem Traum hinterher. Der Versuch ist Belohnung genug.
Trotz der Kälte setzte ich mich an dem Novembertag auf die Bank am Rande der Lichtung und streckte die Beine aus. Ein Specht hämmerte irgendwo in einer Baumkrone. Mit geschlossenen Augen sog ich den Duft des Waldes ein, roch die Mischung aus Holz, Moder und letztem Blütenzauber, obwohl ich mir den wohl eher einbildete, und ließ meine Gedanken treiben. Nach einer Weile lauschte ich, hielt den Atem an. Irgendetwas stimmte nicht. Die Vögel waren verstummt, kein Rascheln im Unterholz zu hören. Ein seltsames Geräusch, etwas knackte, ich riss die Augen auf … Da sah ich es! Das Ungeheuer! Und Paulchen! Paulchen in seinem Maul! Nur ein leises Gurgeln hörte ich und fing an zu schreien und zu schreien! Kalter Schweiß überlief mich, alles brannte, die Augen, die Lunge! Ich konnte einfach nicht aufhören zu schreien! Mein Liebling! Nur noch die Beine lugten unter den sabbernden Lefzen hervor! Das Ungeheuer war riesig, schwarz und, wie ich nun begriff, auch ein Hund. Was nichts daran besser machte.
Ich versuchte loszustürmen, aber der Schock fesselte mich an die Bank. Die Beine tonnenschwer, konnte ich nicht einmal die Hand heben, realisierte, dass selbst meine Schreie nicht nach draußen drangen. Wie lang können Sekunden dauern? Wartestunden am Kranken