Sokrates roch den Gestank von verbranntem Fleisch, als er mit dem Lift in die Attikawohnung fuhr. Das Opfer war keine vierundzwanzig Stunden tot, schätzte er, Verwesungsgeruch hatte sich noch nicht ausgebreitet. Er grüsste Glauser, der gerade telefonierte, mit einem kurzen Nicken und begab sich zu ihm. »Lukas, schau nach, ob ein Leon Oswald irgendwo registriert ist, Vorstrafen, Betreibungen, Handelsregisterauszug und so weiter«, hörte er ihn sagen. Glauser war ein paar Jahre jünger als er, grossgewachsen, sehnig, jede seiner Bewegungen schien kontrolliert. Er hatte braune, an den Schläfen graumelierte Haare, dunkelbraune Augen, eine hohe Stirn und ein markantes Kinn. Das letzte Mal war er Glauser bei einem Todesfall vor ein paar Wochen begegnet. Die Leiche, eine dreiundachtzig Jahre alte Frau, wies tiefe Stichverletzungen im Brustkorb auf. Bei der Obduktion stellte er jedoch fest, dass sie sich diese Wunden selbst zugefügt hatte. Suizid auf eine brutale, schmerzvolle Art.
Sokrates stellte seine schwarze Nylontasche, die Utensilien enthielt, wie sie ein Rechtsmediziner bei einer Leichenschau benötigte, auf den Boden und öffnete sie. Er nahm einen Overall hervor, schlüpfte in Überschuhe und zog Latexhandschuhe an. Dann nahm er seine Brille ab, hauchte auf die Gläser und putzte sie. Er blickte sich um. Das Entrée war grosszügig geschnitten. An den glatten, weissen Wänden mit modernen Schattenfugen bemerkte er fünf gerahmte Grafiken mi