Kapitel eins
Fünf Monate zuvor
Alexander Kümmerlich hatte seine Mutter angelogen. Er saß mit hochgezogenen Schultern in seinem Geschäftswagen und versuchte, sich auf die Straße zu konzentrieren, aber seine Gedanken schweiften immer wieder zu ihr ab. Ausgerechnet der Frau, die ihr Leben für ihn und seinen Vater pausiert und nie wieder die Abspiel-Taste gefunden hatte, spielte er etwas vor. Er sollte sie öfter anrufen.
Jemand hupte, weil ein weißer Pick-up rücksichtlos die Spur wechselte. Alexander hingegen ließ seinen Wagen, den er nicht besonders mochte, gleichmäßig über die Fahrbahn rollen. Es war ein amerikanisches Auto, das günstigste Modell, das er mit seinem Auslands-Vertrag bekommen hatte. Er würde den Wagen sowieso nur während seines USA-Aufenthaltes fahren, die Zeit war also absehbar.
Im Radio lief Klassik, leise, damit er eventuelle, wichtige Außengeräusche rechtzeitig hören konnte. So zum Beispiel das Herannahen eines Krankenwagens. Er wollte nicht derjenige sein, der die Rettung eines Menschen in Lebensgefahr behindert hatte.
Es war viel Verkehr, wie so oft auf dieser Strecke, und der Fahrfluss geriet ständig ins Stocken. Xander, wie ihn die Amerikaner nannten, fragte sich, ob es an den unglücklichen Ampelschaltungen lag oder daran, dass die US-Amerikaner nicht Auto fahren konnten. Allesamt würden sie bei einer deutschen Fahrprüfung durchfallen, ohne Ausnahme!
Einmal hatte er bei seiner Sekretärin Samantha als Beifahrer im Auto gesessen, und er würde es niemals vergessen! Es war eine Notsituation gewesen, weil er keine Lust gehabt hatte, über eine Stunde beim Autohändler darauf zu warten, dass sein Fahrzeug durchgecheckt war. Sam war freundlich, das musste er ihr lassen, und hatte bereitwillig ihre Hilfe angeboten. Da sie eh für ihn arbeitete, lag es nahe, ihr Angebot anzunehmen.
Als er allerdings bemerkte, dass es besser war, bei Sams ruckartiger Fahrweise nicht auf die Straße zu sehen, blieb sein Blick an ihren Brüsten hängen. Aber nur für kurze Zeit, denn er wollte nicht, dass sie es bemerkte. Wobei er sich nicht sicher war, ob es ihr etwas ausgemacht hätte, schließlich drapierte sie ihren Chiffon-Schal so um ihr Dekolleté, dass er es sehr entzückend betonte.
Samantha, die immer geschwätzig war, redete auch, während sie am Steuer saß. Sie stellte viele Fragen, das war Alexander aufgefallen. Sie schien sich für andere Menschen zu interessieren. Er antwortete in wohlüberlegten, knappen Sätzen, die so wenig Persönliches wie nur möglich enthielten. Manchmal fragte er sich, ob die Tatsache, dass er sich ihr gegenüber nicht öffnen konnte, damit zu tun hatte, dass er in seinem Leben nicht viel mit Frauen zu tun gehabt hatte. Die einzige Frau, die ihn gut kannte, war seine Mutter.
Alexander wusste, dass sie sich Sorgen um sein Sexualleben machte, auch wenn sie das niemals aussprechen würde. Schließlich sprach man über solche Dinge nicht. Jedoch war er ein Einzelkind und somit die einzige Hoffnung auf Enkel.
Alexander hupte, weil ein Lexus ihn beim Abbiegen schnitt. War es so schwer, sich zu merken, in welcher Spur man abgebogen war?
Er strich mit seinen Händen über das Lenkrad, als die nächste Ampel auf Rot umsprang. Es fühlte sich ein wenig klebrig an, er würde es heute Abend feucht abwischen.
Dann musste er wieder an Sams Busen denken. Er fragte sich, ob sie ihr von der Natur geschenkt worden waren oder ob sie sich einer Operation unterzogen hatte, für die hier in den USA sogar im Radio geworben wurde. Man konnte sich alles straffen, spritzen oder absaugen lassen.
Als die Ampel Grün anzeigte, setzte sich die Schlange aus Autos gemächlich in Bewegung. Nicht einmal schalten konnte man hier! Autofahren war langweilig geworden.
Alexander versuchte vergeblich, seine Gereiztheit abzuschütteln. Warum nur war er nicht in der Lage gewesen, seiner Mutter die Wahrheit zu sagen? Vielleich nahm sie es ihm auch nicht ab, dass er seiner Karriere zuliebe das Angebot in den USA angenommen hatte. Die Augen seines Vaters hätten geleuchtet, der wä