: Michael Böhm
: Die Sanduhr in meinem Kopf Kleine Galerie von Lebensbildern bemerkenswerter Frauen
: Bookspot Verlag
: 9783956691737
: 1
: CHF 6.20
:
: Erzählende Literatur
: German
: 208
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
»Mit großem erzählerischen Geschick« (Süddeutsche Zeitung) begibt sich Michael Böhm auf die Spur bemerkenswerter Frauen und erträumt sich dabei deren fiktive Lebenswirklichkeit. Ob als verkleidete Geburtshelferin im antiken Athen, als erste Doktorin der Chemie oder als im Schatten forschende Ingenieurin der NASA: Michael Böhm zeigt bedeutende Frauen, die sich für ihre Ziele eingesetzt und entgegen aller Widerstände für diese gekämpft haben. Er lässt die Pianistin Clara Schumann in Erinnerungen schweifen, gewährt einen Blick hinter die Kulissen von Helene Weigels Leben im Exil und erzählt von Marilyn Monroe abseits des Scheinwerferlichts. Wir folgen Elisabeth von Österreich und Romy Schneider zu einem unerwarteten Treffen auf der Roseninsel, begleiten George Sand nach Mallorca und verbringen einen Novembertag mit der Schriftstellerin Luise Rinser.

Michael Böhm, der im Ruhestand in der Nähe von München lebt, schreibt seit seiner Jugendzeit. Der erste Teil seiner »Petermann«-Trilogie mit dem Titel »Herrn Petermanns unbedingter Wunsch nach Ruhe« wurde 2014 für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert, im Jahr 2016 erhielt er die begehrte Auszeichnung für den zweiten Band »Herr Petermann und das Triptychon des Todes«. Mit »Quo vadis, Herr Petermann?« schloss Michael Böhm die Reihe im selben Jahr ab. 2018 kooperierte er mit Dieter Hentzschel für den gemeinsamen Kriminalroman »Dinner mit Elch« und widmete sich dann »Träume am Ende des Weges«, einer zauberhaften Galerie großer Persönlichkeiten. Im Jahr 2020 kehrte er dann mit seinen kriminologischen Gesellschaftsporträts »Die zornigen Augen der Wahrheit« und »Mein Freund Sisyphos« zum Spannungsgenre zurück.

Spuren einer Heiligen


Hildegard von Bingen - Äbtissin, Heilkundige und Dichterin


 

Der Schrein mit den Gebeinen der Hildegard von Bingen befindet sich in der Pfarrkirche (ehemals Klosterkirche) von Eibingen. Am gleichen Ort wird auch ihr Reliquienschatz aufbewahrt.

Beschäftigt man sich mit dieser besonderen Frau, stellt sich bald unausweichlich die Frage: War Hildegard denn überhaupt eine Heilige? Erst im 16. Jahrhundert findet sich ihr Name im Verzeichnis der Heiligen. Und es war Papst Benedikt XVI., der 2012 Hildegard zur Kirchenlehrerin erhob.

Auf jeden Fall war Hildegard eine faszinierende, eine großartige Frau, auch im ziemlich nebligen Abstand von 900 Jahren. Sie verkörperte eine Idee, die auch noch heute anziehend wirken kann: Sie gab das Beispiel für Vertrauen auf Gott, für seine Gnade, Liebe und Weisheit.

Mit einem eher kleinen Artikel auf der Wirtschaftsseite einer Zeitung – leicht zu übersehen, da an dieser Stelle kaum zu erwarten – und nur wenige Tage darauf mit einem vielleicht zehnminütigen Feature in einer Kultursendung im Fernsehen, begann mein Interesse für Hildegard von Bingen. Ab da trug ich zusammen, was ich über diese Frau und ihre Zeit finden konnte.

Im vergangenen Jahr wurde ich gebeten, im Rahmen einer VortragsreiheGroße Frauen der Geschichte, vom Kloster Peterhof veranstaltet, über die Heilige Hildegard zu sprechen. Meine spontane Zusage hatte zur Folge, dass ich mein Wissen über Hildegard und ihre Zeit überprüfen und ordnen musste, am besten chronologisch. Daraus ergab sich zwangsläufig, mich auch mit den nicht unwesentlichen Widersprüchen während des Erdenweges der adeligen Frau zu befassen.

Da ich meine Zuhörer nicht zu sehr mit Daten und Fakten belasten wollte, wählte ich besondere Stationen aus der mehr als acht Jahrzehnten währenden Lebenszeit der Hildegard.

 

KINDHEIT UND JUGEND


Denke ich mir Hildegard als Kind, sehe ich sie in einer blühenden Wiese sitzen, die Hände im Schoß gefaltet, das Gesicht dem Himmel zugewandt. Es ist wieder solch ein Moment, in dem sie ein helles Licht sieht, sich von einer strahlenden Aura umgeben fühlt. Sie ist ein dreijähriges Mädchen, als sie zum ersten Mal spürt, wie dieses Licht in ihr Herz dringt, und sie fest daran glaubt, dass Gott ihre Seele berührt.

Die Blumenwiese, die sie so sehr liebt, von der sie ihr Leben lang träumen wird, gehört zum Gut Bermersheim, welches ihrer Familie gehört. Das lassen mich meine Unterlagen als gesichert annehmen. Wann und wo Hildegard das Licht der Welt erblickte, ist nicht zweifelsfrei zu belegen. Von adeliger Herkunft wurde sie wohl im Jahre 1098 auf Gut Bermersheim oder aber in Niederhosenbach als zehntes Kind ihrer Eltern geboren.

Hildegard begreift früh, dass ihr Leben der Kirche gehören wird. Als zehntes Kind ist dieser Weg beinahe fest vorgegeben, sie ist die Dank- und Opfergabe der Familie an Gott. Das Mädchen sieht sich herausgehoben, bevorzugt, spürt eine Heiterkeit, wenn sie an ihre Rolle denkt. Sie selbst beschreibt, wie sie mit acht Jahren Gott dargebracht wurde und damit ihr geistig-religiöser Weg begann. In ihrer neuen Umgebung wird man sich sehr bald gefragt haben, wer die Hildegard denn sei, dieses Mädchen, das gern von dem Licht erzählt, das sie immer wieder sieht.

 

KLOSTER DISIBODENBERG


Mit zwei anderen jungen Frauen kommt Hildegard in das Benediktinerkloster Disibodenberg. Ihr Einfluss dort nimmt so zu, man kann beinahe von einer friedlichen Übernahme sprechen, dass sie von ihren Mitschwestern zur Magistra gewählt wird. In dieser Führungsrolle sehe ich die junge Hildegard vehement und zäh für ihre Überzeugungen streiten. Noch steht sie als Person selbst hinter dem, was sie sagt und tut, bezieht sich noch nicht auf die Weisungen des