„Lasst das Madel aus, habt ihr gehört?“
Die übermütige Schar der Dorfburschen wich auseinander, als Andreas Sarbacher herbeigestürmt kam, seine Schwester am Arm ergriff und sie aus ihrer Mitte zog.
„Schämt ihr euch fei net, die Sina so zu plagen, dass sie weint?“, rief er aufgebracht und legte beschützend den Arm um das schluchzende Mädchen.
„Die ist halt eine Zimperliche und versteht keinen Spaß“, spottete Franzl Hochstetter. „Kein Haar haben wir ihr gekrümmt. Zieh schon mit ihr ab, du Weiberknecht.“
Höhnische Rufe klangen den beiden nach, als sie eilig durch die Dorfstraße schritten, bis sie endlich außer Sichtweite waren und innehielten.
„Jeden Sonntag nach der Kirche verfolgen die Burschen mich, ganz voran der Franzl. Alle werden denken, ich wäre selber dran schuld, aber ich hab nichts getan.“
Sina brach erneut in heftiges Weinen aus, was Andreas ins Herz schnitt.
„Das weiß ich doch, Sina. Ich hab mir schon gedacht, dass ich nach dem Rechten schauen muss, als ich deine Freundinnen ohne dich gesehen hab“, erklärte er sein überraschendes Auftauchen.
„Die Freundinnen haben sie ausgelassen. Der Franzl hat es immer nur auf mich abgesehen.“
Obwohl ihr Gesicht verweint war und ihr das Haar wirr in die Stirn fiel, hätte ihr Andreas leicht den Grund dafür sagen können, warum Franz Hochstetter, und nicht nur er, Sina nicht in Ruhe ließen. Schon als sie kaum dem Kindesalter entwachsen war, stand für alle fest, dass sie das schönste Mädchen im Tal war. Lockige braune Haare, die wie Kupfer schimmerten, wenn die Sonne darauf fiel, umgaben ein Gesicht von berückender Lieblichkeit, das von großen graugrünen Augen beherrscht war.
Sina trug ein verwaschenes, abgetragenes Dirndlkleid, das beste, das sie besaß, und klobige Schuhe. Dennoch konnte die formlose, armselige Kleidung nicht über die Anmut ihrer schlanken, ebenmäßigen Gestalt hinwegtäuschen.
Sie flocht angelegentlich den dicken Zopf, der von Franz zur Hälfte gelöst worden war, wieder zusammen, was Andreas erneut in Zorn versetzte.
„Dem Franzl muss ich mal ordentlich …“
„Es hat doch keinen Sinn, wenn du dich wieder mit ihm raufst, dann wird es nur noch ärger“, fiel sie ihm sofort ins Wort, „du kennst ihn doch.“
Andreas schwieg, und die Geschwister setzten ihren Weg fort, bis sie auf eine Anhöhe gelangten, von der man weit über das Tal blicken konnte. Sie blieben stehen, um Atem zu schöpfen und gleichzeitig zu dem Gebirgsmassiv, das das Tal begrenzte, hinüberzuspähen.
„Schad, heut kann man keine Gamsen sehen“, sagte Sina enttäuscht, ohne den Blick von dem so vertrauten Anblick zu lassen, der sie immer wieder aufs Neue in Entzücken versetzte.
„Wie die Sonne heut auf den Gletschern glitzert!“
„Als Kind hast immer gesagt, die Felsen täten wie Raffzähne ausschauen.“
Andreas lachte, doch dann wurde er unvermittelt ernst.
„Wir müssen uns beeilen. Die Mutter hat es net gern, wenn sie warten muss.“
Sinas Gesicht verdüsterte sich bei der Erwähnung ihrer Mutter, doch sie nickte zustimmend.
Wie sie ihn liebte und bewunderte, den großen Bruder, der sie immer beschützt hatte, soweit sie zurückdenken konnte! Spontan umhalste sie ihn und wollte ihn küssen, doch aus einem unerfindlichen Grund wich er vor ihr zurück. Er war errötet, doch als er den verletzten Au