Kapitel 1Nervige Fliegen
Marcels Hände zitterten. Seine Arme schmerzten. Und er hatte das Gefühl, eine Million Käfer und Insekten seien unter sein Shirt gekrochen, um nun an Bauch und Rücken hochzukrabbeln.
»Ich kann das nicht!«, jammerte er.
»Du musst Geduld haben, Marcel«, mahnte sein Vater. »Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester. Das machst du gut, Julia.«
Das reichte. Jetzt riss Marcels Geduldsfaden endgültig.
»Pah!«, kommentierte er verächtlich.
Er lag neben seiner Zwillingsschwester im feinen Sand auf dem Bauch, stützte sich auf beide Ellenbogen und hielt sich eine digitale Spiegelreflexkamera vors Auge, deren Zoom auf höchste Vergrößerung eingestellt war.
Um ihn herum surrten Tausende Fliegen. Wie Julia und sein Vater trug auch er einen Hut mit breiter Krempe, an dem ein Moskitonetz befestigt war. Obwohl das Netz beim Blick durch den Kamerasucher enorm störte, war zumindest sein Kopf vor den Fliegen geschützt, fast wie bei einem Imker unter seiner Schutzhaube. Trotz der unerträglichen Hitze von 35 Grad im Schatten trug Marcel eine dünne Jacke mit langen Ärmeln, ebenfalls zum Schutz vor den gefühlt Zigtausenden herumschwirrenden Insekten, die ihn völlig verrückt machten. Nicht nur, weil sie ihm ständig vor die Linse flogen, sondern auch, weil das Brummen und Summen um seine Ohren jedes Vertrauen in seine Schutzvorkehrungen schwinden ließ. Es war ihm unbegreiflich, wie seine Schwester seit zehn Minuten so regungslos daliegen und auf den besten Moment für ein Foto warten konnte.
»Sei mal still!«, fauchte Julia ihren Bruder an, ohne ihr rechtes Auge auch nur um einen Millimeter vom Sucher zurückzuziehen. »Du verscheuchst ja die Kängurus!«
»So ein Quatsch!«, schimpfte Marcel leise vor sich hin.
Sie befanden sich nicht in freier Wildbahn, sondern auf einer Känguru-Rettungsfarm.
Hier wimmelte es nur so von Kängurus, die irgendwo in der Wildnis verletzt, halb tot aufgefunden und hierhergebracht worden waren. Die meisten waren auf den breiten, endlos langen Highways von Jeeps oder Lkws angefahren worden. Jeder Autofahrer war aufgerufen, sofort anzuhalten, wenn er ein verletztes Känguru sah, und es so schnell wie möglich zu melden beziehungsweise sofort zur nächsten Rettungsstation zu bringen.
Wie sollte man hier ein Känguru verscheuchen?, fragte sich Marcel. Viel schwieriger wäre es gewesen, auf diesem Gelände keinem zu begegnen.
Doch seine Schwester beharrte weiter auf Ruhe.
»Gleich hab ich’s«, flüsterte sie. »Jaaa. Komm. Bitte! Schau zu mir! Jaaa.JETZT!«
Julia drückte den Auslöser.
Und jubelte: »Phantastisch. Das muss geklappt haben!«
»Zeig!«, bat ihr Vater.
Julia erhob sich und rief das soeben geschossene Foto auf dem Display ihrer Kamera auf.
Ihr Vater und Marcel schauten ihr über die Schulter. Und Marcel musste zugeben, dass das wirklich ein Meisterschuss war!
Denn was er zuvor mit bloßem Auge nicht erkannt hatte: Direkt auf der Nase des Kängurus hatte ein wunderschöner bunter Schmetterling gesessen. Natürlich nur für den Bruchteil einer Sekunde. Aber das war genau jener kurze Moment gewesen, auf den Julia so lange und so geduldig gewartet hatte.
»Das ist das Foto des Jahres!«, lobte ihr Vater.
Marcel gr