Der Nebling
Während sie sich einen Platz im luxuriösen Café suchten und ihnen riesige Gläser mit Milch serviert wurden, versuchte Lina herauszufinden, für wen Lex sie hielt.
Sie saßen sich schweigend gegenüber, starrten einander an.
»Schicke Stiefel«, sagte Lina schließlich.
Lex riss ihren Mund weit auf. »Manke, mie massen mu meinen Mähnen.«
Lina entdeckte einen hellblauen Zahn im Mund ihres Gegenübers. »Dein Backenzahn ist blau«, rief sie. »Ist das so ein Hexending? Sonst siehst du ja nicht gerade wie eine Hexe aus.«
»Und du siehst nicht gerade aus wie die älteste und einzige Neblingexpertin der Welt.«
»Neblingexpertin?« Lina nutzte die Gelegenheit. »Also, eigentlich … ich glaube, du hast die falsche –«
Aber Lex unterbrach sie. »Lange Zeit wünschte ich mir Beulen und Warzen, die in lustigen Mustern auf meinem Gesicht angeordnet sind, und lange Ohrhaare, die ich hätte flechten können wie meine älteren Schwestern. Das war alles, was ich wollte. Dann wurde ich älter und mir wurde klar, dass ich niemals die perfekte Hexe sein würde, aber was soll’s. All die Zeit, die ich damit verbracht hatte, mir ein anderes Äußeres zu wünschen, verwendete ich irgendwann darauf, lustige Sachen zu tun – zum Beispiel Steinmonsterklettern, mit meiner Freundin Gurkie zu tanzen und leckere Snacks zu essen.« Sie holte ein Notizbuch hervor und strich »Torte in Wien« von der Liste.
Lex’ leckere Snackliste für die perfekte Hexe:
•Schoko-Käse-Brocken aus Hans’ Käseladen
•Gurkies Möhrenkuchen
•Cors verzaubertes Trifle
• Fish and Chips mit Ernie
• Tee und Toast in London
•Torte in Wien
Der Kellner kam und stellte ganz vorsichtig – mit der Präzision eines Chirurgen von Weltrang – die Torte auf den Tisch. Lex ließ sich vornüberfallen und tauchte ihr Gesicht darin ein.
Lina bemühte sich, nicht zu lachen, als der Kellner ein Keuchen unterdrückte und davonging. Er zog ein Gesicht wie jemand, der gerade in einen Abwasserkanal getunkt worden war.
»So essen wir auf der Insel«, flüsterte Lex, als sie wieder nach Luft schnappte.
Lina wusste nicht, ob sie Lex glauben sollte oder nicht.
»War ein Witz«, sagte Lex schnaubend. »Ich hatte einfach Lust, mein Gesicht in eine Torte zu tauchen. Und ich empfehle jedem, das gelegentlich zu tun. Es hat eine entspannende Wirkung.«
»Aber nicht in der Öffentlichkeit«, sagte Lina, der die starrenden Menschen unangenehm waren.
»Je mehr Öffentlichkeit, desto besser«, entgegnete Lex mit einem krümeligen Zwinkern. »Ich meine – warum sollte man sein Gesicht in eine Torte tauchen, wenn keine Zuschauer dabei sind?«
Lina schob sich ein Stück Sachertorte in den Mund – ein