Frau Hempel warf den Kopf in den Nacken. »Sie haben wohl vergessen, wer ich bin?«
Rudi Salomon unterdrückte ein Seufzen. »Natürlich habe ich das nicht, gnädige Frau. Ihr Mann sitzt im Stadtrat und ist für die Versorgung der Bürger zuständig. Trotzdem bekommen wir kaum noch Stoff, weil wir nicht in der Produktionsgenossenschaft des Handwerks sind. Sie könnten sich aber selbst den Stoff besorgen, den Sie gern möchten, und wir nähen Ihnen das Kostüm.«
Frau Hempel runzelte die Stirn. »Und nähen Sie mir dann auch das, was ich möchte?«
»Selbstverständlich.«
»Ich möchte nämlich ein Kostüm, wie es sie im Westen gibt. Und in Paris natürlich. Dior hat die ›Neue Mode‹ kreiert, das weiß ich von meiner Schwägerin aus München. Seine Entwürfe sind das A und O in Paris.«
Elli Salomon, Rudis Frau, blickte von ihrer Nähmaschine auf. »Was sagt denn Ihr Mann dazu, wenn Sie sich pariserisch anziehen? Der ist doch ein hohes Tier in der Partei.«
»Was soll der schon sagen? In unserer Familie pflegt jeder seine eigenen Vorlieben.«
»Aha.« Elli beugte sich wieder über die Nähmaschine, damit Frau Hempel ihr Grinsen nicht sah.
»Krieg ich nun mein Kostüm?«
»Wenn Sie den Stoff besorgen. Und vielleicht auch gleich noch die Knöpfe.«
Frau Hempel verzog den Mund. »Wenn ich das alles machen soll, kann ich es auch gleich selbst nähen.«
Darauf erwiderte Rudi Salomon nichts, obwohl er einige Antworten parat gehabt hätte.
»Na gut, aber nach dem Pariser Schnitt.«
»Liebe gnädige Frau Hempel, wo sollen wir denn diesen Schnitt herbekommen? Den gibt es nur im Westen. Bei Burda wahrscheinlich.«
»Was sind Sie denn für ein Maßatelier? Keinen Stoff, keine Knöpfe und noch nicht einmal einen Schnitt!«
»Ein sozialistisches Maßatelier sind wir«, erwiderte Rudi gelassen und sah aus dem Augenwinkel, wie seine Frau den Kopf noch tiefer sinken ließ, damit Frau Hempel ihr Kichern nicht bemerkte.
Aber schon wandte sich Frau Hempel ab, verließ das Atelier, nicht ohne die Tür ins Schloss zu pfeffern.
Elli tauchte wieder auf, ihre Augen funkelten. »Ein sozialistisches Maßatelier. Ich dachte, ich müsste mich totlachen.«
»Mal im Ernst, Elli. Sollten wir nicht auch in die Produktionsgenossenschaft eintreten?«, wollte Rudi wissen.
»Auf gar keinen Fall. Das Maßatelier Salomon gibt es seit vier Generationen. Gut, bis 1946 war es in der Innenstadt. Beste Lage. Wir hatten über zwanzig Angestellte und immer die schönsten Stoffe und Schnitte.«
»Und sieh uns jetzt an. Wir hocken in einem Hinterhof, von der Straße aus nicht zu sehen. Wir haben nur noch eine Angestellte, die bald in Rente geht. Wir bekommen die schlechtesten Stoffe, kaum noch Reißverschlüsse und Nahtband, kein Seidenfutter, und die Schnitte, Herrgott, die sehen alle aus wie Kolchosenkittel. Die Kunden laufen uns davon, und ich kann sie sogar verstehen.«
Elli seufzte. Ihre Heiterkeit war verflogen. »Das weiß ich doch alles. Aber dein Vater würde wie ein Brummkreisel im Grab rotieren, wenn er das wüsste. Und deine Mutter erst! Sie war die bestangezogene Frau in ganz Leipzig, an Eleganz nicht zu überbieten.«
»Doch. Eine hat sie überboten. Du nämlich.«
Elli lächelte. »Lieb, dass du das sagst. Aber den Standard werde ich wohl nicht mehr lange halten können.«
»Und wenn ich mal zum Hempel ins Rathaus gehe?«
»Der wird nichts ausrichten können. So viel hat er da sicher auch nicht zu melden.« Elli schüttelte den Kopf.
»Wenn man seiner Frau so zuhört, dann tanzen im Rathaus alle nach seiner Pfeife.«
»Ach, denk doch nur mal an früher. Da hat seine Frau in einer Wäscherei gearbeitet. Und der Hempel selbst! Bürstenmacher war er. Weißt du noch, wie er das erste Mal bei uns war, um sich einen Anzug anmessen zu lassen? Das war kurz nach dem Krieg. Ende 45 oder Anfang 46. Er wollte eine Weste mit fünf Knöpfen, dabei weiß jeder Mensch, dass eine Weste drei oder höchstens vier Knöpfe hat. Dann hat sich herausgestellt, dass er an seiner Arbeitsjacke fünf Knöpfe hatte und eben daran gewöhnt war. Na ja, du hast ihn ordentlich ausstaffiert; er hat eine gute Figur gemacht in dem Anzug. Das Futter war aus Ballonseide, das weiß ich noch.«
»Und wenn du zu ihm gehst? Er mag dich. Er hat sogar ein bisschen mit dir geflirtet.« Rudi lächelte.
»Einen Versuch ist es wohl wert.« Elli erhob sich und heftete zwei Stoffstücke an die Modellpuppe. »Am besten mache ich mich gleich auf den Weg.«
Sie nahm zwei Stecknadeln aus dem Mund – das Sprechen mit Nadeln im Mund war kein Problem für sie, das Sprechen überhaupt war kein Problem – und steckte sie in das Kissen, das sie am Handgelenk trug und nun auf den Arbeitstisch legte. Sie zog ihre Kostümjacke an, die Handschuhe, setzte einen kleinen Hut auf, nahm ihre Handtasche und küsste ihren Mann. »Ich beeile mich. Wenn die Mädchen aus der Schule kommen, sollen sie ihre Hausaufgaben machen. Womöglich mache ich nämlich noch einen kleinen Stadtbummel.«
Rudi blickte seiner eleganten Frau hinterher, wie sie durch den Hinterhof ging, den Angestellten der Heißmangel nebenan winkte. Er seufzte. Sie hat Besseres verdient, dachte er.
***
Hanka saß in der Schule und langweilte sich. Wie immer im Staatsbürgerkundeunterricht. Stets ging es um den Krieg und um die tapferen Antifaschisten und ihre Gegner. Als ob im Osten alle guten und im Westen alle schlechten Menschen leben würden. Sie zeichnete an den Rand ihres Lehrbuchs ein paar Entwürfe für ein Kleid, das sie sich gerade ausgedacht hatte. Oben eng mit einer schmalen Taille und unten mit einem wadenlangen fließenden Rock. Dazu einen Carmenkragen und am Saum rot eingefasst. Sie überlegte gerade, woher sie den Stoff für solch ein Kleid bekommen würde, als Herr Bänsch, der Lehrer, sie aufrief. »Nun, Hanka, was sagst du dazu?«
Hanka schrak auf. »Wozu?«
»Zu meiner Frage. Wie würdest du sie beantworten?«
Hanka spürte, wie sie rot wurde. Hinter ihr kicherten ein paar Klassenkameraden. »Könnten Sie die Frage bitte noch einmal wiederholen?«
»Warum? Spreche ich so undeutlich, oder hast du nicht zugehört?«
Zähneknirschend gab sie zu: »Ich habe nicht zugehört.«
»Also gut: Welche Vorteile hat die Planwirtschaft gegenüber der Marktwirtschaft?«
»In … in der … in der Planwirtschaft werden die Ressourcen gerechter verteilt«, stammelte Hanka.
Herr Bänsch nickte. »Das Argument ist neu, aber nicht falsch. Weitere Vorteile?«
Hanka schluckte. Sie wusste, dass sie im Staatsbürgerkundeunterricht besser aufpassen musste. Ihre Note stand auf der Kippe. »Wenn alles geplant ist, gibt es keine Überraschungen«, fügte sie hinzu. »Dann müssen unsere Werktätigen keine Überstunden leisten, dann ist das Angebot in den Geschäften immer gleich gut.«
Alle in der Klasse wussten natürlich, dass das Unsinn war. In den Geschäften gab es regelmäßig und verlässlich nicht das, was gerade gebraucht wurde. Und die Werktätigen leisteten zuweilen Überstunden und hatten dafür an anderen Tagen gar nichts zu tun, weil es an Material fehlte. Ob das im kapitalistischen Westen auch so war, das wusste Hanka nicht.
»Du denkst sehr pragmatisch, Hanka, das gefällt mir. Trotzdem sind das nicht die Antworten, die ich hören wollte. Was sagen die anderen?«
Er ließ seinen Blick über die Klasse schweifen und rief dann Sibylle Scheuer auf, die immer alles wusste. Und schon schwafelte Sibylle etwas von der Herrschaft über die Produktionsmittel und von kapitalistischer Ausbeuterei. Hanka dachte neidvoll an Annekathrin, ihre Schwester, die den ganzen Schulstress schon bald hinter sich haben würde.
Annekathrin stand auf...