Manchmal konnte Käthe es immer noch nicht glauben. Und weil sie nicht Max fragen wollte, ob es wirklich stimmte, da er inzwischen über ihren Unglauben mehr brummte als lachte, griff sie lieber in die Rocktasche und holte das Telegramm hervor. Weil sie es so oft nicht glauben konnte, war das dünne Papier schon ganz brüchig an den Kanten. Aber da stand es, schwarz auf weiß.
Wir bestellen hiermiet 150 Käthe-Kruse-Puppen, Liefertermin 8. November, free on board Bremen. F. A. O. Schwarz, New York.
Irrtum ausgeschlossen. Aber lange konnte sie nicht verweilen und diese Momente auskosten. Denn nicht nur die Bestellung von so vielen Puppen war im Telegramm vermerkt; auch das Datum, an dem die Lieferung in Bremen eintreffen musste, damit sie fristgerecht auf das Schiff nach Amerika verladen werden konnte. Und dieser Termin war in wenigen Tagen.
Als sie schon glaubte, ihr Kunsthandwerk habe keine Zukunft, sie werde bis ans Ende ihrer Tage ein paar Dutzend Puppen im Jahr in der Wohnstube nähen und verkaufen, was allenfalls für ein Zubrot zum Familieneinkommen reichte, hatte sie genau das Wunder bekommen, das sie brauchte.
Eine Bestellung über einhundertfünfzig Puppen vom New Yorker Spielzeughändler F. A. O. Schwarz – dem bekanntesten Spielzeughändler der Welt! Und sie hatten sich trotz der vielen Misserfolge, die Käthe in den vergangenen Monaten hatte einstecken müssen, direkt an sie gewandt und diese Menge bestellt, die sie unmöglich allein in den fünf Wochen anfertigen konnte.
Ihre Hände zupften an dem Haar der einhundertneunundvierzigsten Puppe herum, sie zog die Schleifen in den beiden Zöpfen zurecht, schnippte einen kaum sichtbaren Flusen von dem roten Samtkleid mit Spitzenkragen. Unter dem Kleidchen lugte der Spitzenunterrock hervor, die Strümpfchen waren aus dünnem Stoff genäht, die Schühchen aus brauner Wolle gehäkelt. Jedes Detail an dieser Puppe hatte sie sorgfältig überprüft, wie bei den einhundertachtundvierzig Puppen davor, die bereits in ihre Schachteln verpackt an einer Wand der Wohnstube in zwei Reihen aufgestapelt standen. Ihr Blick ging gehetzt zur Uhr. Bald Abendessenszeit, und wenn die Kinder im Bett waren, blieben ihr vielleicht zwei Stunden, um die letzten beiden Puppen zu kontrollieren. Und dann würde sie morgen früh alle einhundertfünfzig Schachteln in die große Überseekiste stapeln, die seit zwei Tagen unten in Max’ Atelier stand. Ihre Haushälterin Birgit, die gute Seele, war mit den Kindern rausgegangen, sie hörte ihren Jüngsten Michel im Hinterhof juchzen. Ohne Birgit wär’s nicht gegangen, in den letzten Wochen hatte auch sie mehr gearbeitet, hatte sich zusätzlich um die Kleinen gekümmert, wann immer Käthe sich nicht länger zwischen ihnen und der Arbeit zerreißen konnte.
Ihr Mann Max hingegen hatte es die ganze letzte Woche vorgezogen, im Atelier eine Stiege weiter unten zu nächtigen; tagsüber brachte Birgit ihm ein Tablett mit Essen, und fürs Abendbrot bequemte er sich zu ihnen nach oben. »Mir ist’s hier zu puppig«, bemerkte er lapidar.
Dann war’s ihm eben zu puppig. Sie hatte jetzt keine Ruhe, sich auch noch um das verletzte Gemüt ihres Gatten zu kümmern. Dabei liebte sie ihn von Herzen; sie liebte, wie er sie ermutigt hatte, diesen Auftrag anzunehmen, als sie selbst schon glaubte, sie würde es nicht schaffen. Sie konnte ja was. Puppen nähen. Anderen zeigen, wie man sie nähte. Ihre Puppen waren etwas Besonderes, das sagte jeder, der sie mal in die Hand nahm.
Behutsam legte sie die Puppe in die Schachtel, verschloss diese mit dem Deckel und wickelte einen blauweiß-gestreiften Bindfaden herum, fädelte ein kreisrundes Schild auf und verschloss alles mit einer Schleife. »Die Käthe-Kruse-Puppe –DIE Sensation aus dem Deutschen Kaiserreich!« stand darauf. Die Rückseite enthielt neben ein paar Pflegehinweisen auch eine Garantie. Käthe hatte lange mit Max gestritten, bevor sie sich durchsetzte. »Mit einer Garantie sorgst du nur für Beschwerden!«, hatte er sie gewarnt.
»Ach was! Die Puppen sind robust, es ist bestes Kunsthandwerk! Kein Kind wird ihnen die Arme ausreißen oder das Gesicht abkratzen können.«
Qualität – das war ihr immer so wichtig gewesen.
Vor fünf Wochen hatte sie gedacht, sie müsste ihr ganzes Puppenhandwerk aufgeben, weil ihr nach ein paar Fehlentscheidungen jeglicher Bewegungsradius genommen worden war. Sie hatte die Lizenz ihrer Puppen an den Spielwarenfabrikanten Reinhardt& Kämmer im Thüringischen vergeben. Doch war sie mit der Ausführung aus den dortigen Werkstätten überhaupt nicht zufrieden gewesen, und die Verkäufe waren weit hinter den Erwartungen von Reinhardt& Kämmer zurückgeblieben. Deshalb hatten sie den Vertrag aufgelöst, und es stand Käthe frei, ihre Puppen selbst zu vertreiben.
In der Stunde ihres größten Rückschlags aber kam wie gerufen jene Bestellung, an der sie nun seit Wochen mit ein paar Heimarbeiterinnen und einem eigens dafür eingestellten Künstler saß, der die Gesichter aufmalte. Schön waren sie geworden, fand Käthe. Jede ein kleines bisschen anders, dabei aber alle so neutral, dass die kindliche Phantasie allerhand hineindenken und -fühlen konnte. Sie nahm sich vor, Herrn Beyer noch mal explizit für die hübsche Ausführung zu loben.
Ihr war also ein Wunder geschehen, doch auch dafür hatte sie hart arbeiten müssen. Käthe Kruse seufzte, sie strich sich eine verschwitzte Strähne ihrer dunkelblonden Haare aus der Stirn und betrachtete liebevoll das Püppchen, das vor ihr in dem Karton lag, der als Umverpackung diente. Sie stand auf, drückte die Hand ins schmerzende Kreuz und trug die Schachtel zu den anderen. Aus dem Hof drang das Kreischen ihrer Kinder, und auf der Treppe hörte sie die schweren Schritte ihres Mannes, der aus dem Atelier nach oben kam. War es schon so spät? Warum war Birgit noch nicht oben, um das Abendbrot zu richten?
»Immer noch nicht fertig?«, brummte Max, als er die Wohnstube betrat. Ihn hatten die vergangenen Wochen auch ganz schön angestrengt, das merkte Käthe wohl. Sie hatte jedoch aus früheren Zeiten gelernt, da sie ihn kaum zu Gesicht bekommen hatte, weil er sich das Essen nach unten bringen ließ und ansonsten nur über seiner Arbeit hing. Als Bildhauer widmete er sich den Bismarcks und Liebenden, Marathonläufern und Büsten. Die abendliche Mahlzeit nahmen sie gemeinsam als Familie ein, so war ihre Bedingung. Er hatte sich murrend gefügt.
»Morgen wird alles abgeholt.« Käthe trat zu ihm. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. Max legte einen Arm um ihre Taille, er zog sie an sich. Küsste sie auf den Mund. Sie lachte, dann seufzte sie, genoss diesen kleinen Moment der Intimität. Ungestört sein. Das hatte ihr gefehlt, merkte sie. »Danach brauche ich aber eine Pause.«
»Was denn, mein Frauchen will danach nicht direkt die nächsten hundert Puppen anfertigen? Was ist mit den deutschen Kindern, dürfen die keine Käthe-Kruse-Puppe unterm Baum erwarten?«, neckte Max sie. Er umschloss sie mit seinen starken Armen wie ein Bär, sein Vollbart kitzelte ihre Stirn, und sie kicherte. Doch dann wurde sie ernst.
»Für wen sollte ich hundert Puppen nähen?«, fragte sie und runzelte die Stirn. »Es war ein Glücksfall, dass F. A. O. Schwarz hundertfünfzig bestellt hat, aber ich glaube nicht daran, dass so schnell weitere Aufträge folgen.«
»Da solltest du wohl deiner eigenen Erfahrung mehr vertrauen, Käthchen. Bisher kam immer wer und hat bestellt, warum sollte es sich jetzt ändern?«
Dazu sagte sie nichts. Max, dem ihre Ängstlichkeit gegen den Strich ging, löste sich aus der Umarmung, sah sich suchend nach einem freien Platz um. Es gab keinen. Sogar auf den Stühlen stapelten sich die Zuschnitte für Puppenkleider, Arme und Beine, als hätte sie tatsächlich vor, hundert weitere anzufertigen. »Das holt morgen früh die Suse«, beeilte sie sich zu sagen.
»Die Suse, na so was.« Suse gehörte zu den beiden ersten Heimarbeiterinnen, die Käthe im Sommer eingestellt hatte, um der Flut an Bestellungen Herrin zu werden, die regelmäßig in ihren Briefkasten strömte oder sie – welch moderne Zeiten! – über den Fernsprecher erreichte. Wie aufs Stichwort bimmelte der schon wieder im Flur los, und...