ANDERS ALS GEDACHT
Wenn Eltern ein Baby bekommen, sind sie in der Regel voller Vorfreude und Energie. Sie freuen sich darauf, ihr Baby im Arm zu halten und es in den Schlaf zu wiegen. Stellt das eigene Baby sich als besonders sensibel heraus, verändert sich dieses Bild relativ schnell und der Alltag wird zum Balanceakt. Ein Baby, das dauerhaft unzufrieden wirkt, viel schreit und schlecht in den Schlaf findet – damit rechnen die wenigsten Eltern.
Schließlich präsentiert die Werbung uns das Gegenteil: Babys, die selig in ihren Bettchen schlafen, freudig ihren Brei essen und quietschfidel unter dem Spielbogen vor sich hin glucksen. In dieser Idylle ist kein Platz für unzufriedene Babys, die nur in den Schlaf finden, wenn sie auf Mamas Arm stundenlang durch die Gegend getragen werden.
Nach einigen Wochen intensiven und ständigen Kümmerns fühlen sich viele Eltern überfordert und erschöpft – und das ist vollkommen verständlich! Sie wollen ihrem Baby helfen, wissen aber mit der Zeit nicht mehr weiter und stoßen an ihre physischen und emotionalen Grenzen. Sie bekommen das Gefühl, ganz allein mit der Situation zu sein, fragen sich, was sie falsch machen, und sind frustriert und eventuell wütend.
Du bist nicht allein
Im Durchschnitt werden in Deutschland täglich 2200 Babys geboren. 20 Prozent aller Neugeborenen schreien in den ersten drei Monaten deutlich mehr als drei Stunden am Tag und erfüllen damit die Definition eines Schreibabys (siehe>). Während bei vielen das exzessive Schreien nach 10 bis 14 Wochen von allein aufhört, sind acht bis zehn Prozent der Babys auch über die drei Monate hinaus unzufrieden, lassen sich schwer ablegen und weinen oft. Das bedeutet, dass jedes zehnte Paar Eltern eines sehr sensiblen Babys wird oder anders gesagt: Jeden Tag kommen in Deutschland über 200 Babys als sogenannte High-Need Babys zur Welt. Gar nicht mal so wenig, oder?
Viele dieser Eltern fangen in den ersten Monaten an, sich immer mehr zurückzuziehen. Oft haben sie das Gefühl, dass die Umwelt sie nicht versteht und vielleicht sogar verurteilt. Vielleicht entsteht auch Neid auf die Eltern, deren Kinder bei einem Spaziergang mit dem Kinderwagen entspannt einschlafen. Darüber hinaus werden sensible Babys oft schnell durch ihre Umwelt überreizt. Die Familien ziehen sich aus diesem Grund bewusst noch mehr zurück: Sie wollen ihr Kind auf keinen Fall überstimulieren.
»Am Ende saß ich den halben Tag in einem abgedunkelten Zimmer«, erzählt mir Julia, Mutter eines sensiblen Babys. »Ich hatte das Gefühl, dass meine Tochter ständig von Reizen überflutet wurde. Ich wollte sie beschützen. Doch mit jedem Tag ging es mir schlechter. Ich vermisste meine Freunde.«
Das alles führt dazu, dass Eltern sensibler Babys häufig das Gefühl haben, etwas falsch zu machen, und sich deswegen zurückziehen. Sie befürchten, als Eltern zu versagen, und entwickeln Schuldgefühle.
Keiner ist schuld
Wie kommt es, dass manche Babys temperamentvoller, sensibler und anhänglicher sind als andere? Warum liegen manche Babys den halben Tag zufrieden in ihrer Wiege, schlafen und wachen nur kurz auf, um gefüttert zu werden, während andere den ganzen Tag von ihren Eltern herumge