Kapitel 1
Maidenhead, acht Meilen südwestlich von Beaconsfield
Anfang Juni 1812, vier Tage vor der Hochzeit von Lady Amabel Cavendish mit Major Harold Westfield
Mr Elliot Sandhill-Jones stand auf einer Anhöhe und spürte seine Zuversicht schwinden. Dabei war er sich so sicher gewesen, bei dem Wanderzirkus, der sich da zu seinen Füßen erstreckte, fündig zu werden. Die provisorische Schaubude, in der die Vorstellungen täglich um drei Uhr nachmittags und sechs Uhr abends stattfanden, hatte noch recht ordentlich, ja, geradezu einladend ausgesehen. Doch nun hatte er mit der alten Reisekutsche seines Freundes Reginald das Areal umrundet und sah von hinten auf die eilig zusammengezimmerten Bretterverschläge. Mussten die Artisten tatsächlich in solch dreckigen, windschiefen Zelten und Schuppen hausen? Anscheinend reisten sie mit ihren ganzen Familien, denn kleine Kinder spielten kreischend Fangen, alle naselang fiel eines von ihnen auf den aufgeweichten Lehmboden. Ein Stimmengewirr aus lauten Rufen und Gezeter klang zu ihm nach oben. Gleich darauf vernahm er ein Brüllen, das ihm durch Mark und Bein ging. Er sah, etwas abseits von den behelfsmäßigen Behausungen, zwei rostige Käfige stehen. In einem hatte sich ein wuchtiger Tanzbär aufgebäumt und stieß soeben den nächsten verzweifelten Schrei aus. Im zweiten lag ein abgemagerter Löwe. Regungslos, als wäre er tot. Elliots Zweifel verstärkten sich. Sollte das wirklich die Umgebung sein, in die sich Sebastian Cavendish, der junge Marquess of Beaconsfield, freiwillig begeben hatte? Er sprang vom Kutschbock, band die Pferde an einen nahen Eichenbaum und beschloss, einige Schritte zu Fuß zu gehen, um die Gedanken zu ordnen und zu entscheiden, was als Nächstes zu tun war.
Sein Freund Harold würde, als Erster der vier Heroes, in wenigen Tagen heiraten. Warum bloß hatte er sich dazu bereit erklärt, bis dahin den verschwundenen, ihm unbekannten Bruder der Braut aufzuspüren? Elliot schnaufte missmutig und rief sich in Erinnerung, was er über den Gesuchten wusste.
Die Zwillinge Amabel und Sebastian Cavendish waren mit neunzehn Jahren zu Waisen geworden, als der Marquess und seine Gattin bei einem Kutschenunglück in den Hochwasser führenden Fray’s River gestürzt waren. Der Titel ging auf den Sohn über, die Vormundschaft an einen entfernten Cousin namens Edgar Prestwood. Da er Europa bereiste, ließ sich der zuerst ein ganzes Jahr lang nicht blicken, kam dann zurück und versetzte alle in Angst und Schrecken. Wenn man den übereinstimmenden Aussagen von Lady Amabel, Mrs Allington, der Haushälterin, und den Dienern Jack und Marie Glauben schenken wollte, dann trachtete er dem Marquess nach dem Leben, um sich dessen hohen Titel, den weitläufigen Landbesitz Millcombe Castle und das gesamte Vermögen für sich selbst zu sichern. Sebastian hatte keinen anderen Ausweg gesehen als unterzutauchen, bis er im kommenden Januar die Volljährigkeit erreicht haben und damit der Gewalt des Vormunds entkommen sein würde.
Seit Wochen war er nun wie vom Erdboden verschluckt. Niemand wusste, wo er sich aufhielt. Da er bis auf eine Notration von drei Goldmünzen über keinerlei finanzielle Mittel verfügte, hatte er sich bestimmt irgendwo eine Anstellung gesucht, um über die Runden zu kommen. Anscheinend war der junge Marquess ein fröhlicher junger Mann, eher ein Feingeist denn ein Kämpfer. Jemand, mit dem man sich vortrefflich unterhalten konnte und der das Spinett so meisterhaft zu spielen verstand, dass er oftmals gebeten worden war, die Sonntagsmesse darauf zu begleiten. Alles in allem fand Elliot, dass es so einiges gab, worin er und der Gesuchte sich ähnelten. Also fragte er sich, was er an dessen Stelle getan hätte, um zu Geld zu kommen. Dabei konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Hochadeliger, der die meiste Zeit seines Lebens im Wohlstand gelebt hatte und von Dienern umschwirrt worden war, in der Lage sein sollte, die schwere Arbeit eines Knechts oder Handwerkers zu verrichten. Sonntagsmessen musikalisch zu untermalen würde ihm kein Auskommen sichern. In jeder Pfarre gab es zumindest ein Gemeindemitglied, das dazu in der Lage war, ohne dafür Geld zu verlangen. Und auf Virtuosität kam es dabei, seiner Erfahrung nach, meist wirklich nicht an.
Doch dann hatte Elliot etwas erfahren, was ihn aufhorchen ließ. Anscheinend war der Marque