: Sven Kuntze
: Einigt Euch! Warum der Kompromiss kompromisslos ist
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641262860
: 1
: CHF 10.80
:
: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Warum Kompromisse im Leben unverzichtbar sind

In unserer gesamten Entwicklungsgeschichte bis hin zur Demokratie, vom Liebesleben bis ins Kanzleramt ist der Kompromiss unser ständiger Begleiter: eine probate und unerlässliche Sozialtechnik seit Menschengedenken, wenn es darum geht, uns im Großen wie im Kleinen durch die Wogen des Lebens und unsere vielschichtigen Beziehungen zu navigieren. Gewohnt unterhaltsam und (lebens-)klug spürt Sven Kuntze in unterschiedlichen Annäherungen den mannigfaltigen Formen des Kompromisses nach – in Geschichte und Gegenwart, in der Gesellschaft und im Leben jedes Einzelnen – und zeigt, warum er unerlässlicher ist denn je.

Sven Kuntze studierte Soziologie, Psychologie und Geschichte an der Universität Tübingen. Er berichtete als TV-Reporter für den WDR aus Bonn, New York und Washington, moderierte ab 1993 das ARD Morgenmagazin und ging mit dem Regierungsumzug nach Berlin, wo er als Hauptstadtkorrespondent arbeitete. Seit 2007 ist Sven Kuntze im Ruhestand, aber immer noch als freier Journalist und Autor tätig. Sein Buch »Altern wie ein Gentleman« (2011 bei C. Bertelsmann) war ein SPIEGEL-Bestseller. Zuletzt erschien von ihm »Alt sein wie ein Gentleman« (2019).

1   Erste Annäherung


»Ein Kompromiss ist dann vollkommen, wenn alle unzufrieden sind.«

Aristide Briand

Im Marschgepäck unserer frühen Vorfahren befand sich nicht nur der Kompromiss, sondern auch das Talent zur Empathie, eine wesentliche Voraussetzung für die Befähigung zum Kompromiss, wie sich zeigen wird.

Wo aber sind die nützlichen Begabungen zu verorten? Wir entdecken sie in der Geselligkeit. Allein ist der Mensch zu schwach, und einsam hält er sich nicht aus. Die Befähigung zur Gemeinschaft ist das kostbarste Geschenk der Evolution an den Homo sapiens, wie das tragische Schicksal des Neandertalers bezeugt. Der war zwar klüger und stärker als die Migranten, die vor 50 000 Jahren aus Afrika nach Europa zugewandert waren. Ihm fehlte jedoch, im Gegensatz zu seinem Konkurrenten, die Bereitschaft zum Miteinander. Der Neandertaler blieb Einzelgänger, und diese sind »zum Niedergang verurteilt«, wie Charles Darwin später erkannte.

Für beide frühen Menschenformen, Homo sapiens wie Neandertaler, gab es noch einiges zu lernen, um sich gegen eine feindliche Natur zu behaupten. Wer jedoch gemeinsam lernt und an den Erfahrungen anderer teilhaben darf, begreift schneller und mehr. Der Homo sapiens wurde dadurch nicht stärker und intelligenter, aber er war besser gerüstet, die letzte Eiszeit, die vor etwa hunderttausend Jahren begann, in geselliger Gemeinschaft zu überleben, während der Neandertaler in seinen kalten Höhlen einsam das Zeitliche segnete.

Der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel hielt den Kompromiss für »eine der größten Erfindungen der Menschheit« und vermutete, dass dieser eine »lange historische Entwicklung zur Voraussetzung hatte«. Ich dagegen bin überzeugt, dass er vom ersten Augenblick der Menschwerdung zur Stelle war – so wie die Luft zum Atmen und die Libido zur Fortpflanzung. Ohne ihn wäre Homo sapiens nicht sehr weit gekommen, denn der Kompromiss hielt ihm viele der Bedrohungen, die nicht lange auf sich warten ließen, vom Leib. Sein gefährlichster Feind war unmittelbar er selbst. Im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen war er imstande, sich auszurotten, wäre ihm der Kompromiss nicht immer wieder in den Arm gefallen.

Von der ersten Stunde an war die Not eine ständige Begleiterin der Neuankömmlinge in den weiten Savannen Ostafrikas. Es fehlte täglich an allem: Wildbret, Holz und Früchten des Feldes. Kompromisse im Vollzug gemeinsamer Praxis waren die Voraussetzung für das Überleben bei stets bedrohlich knappen Mitteln in einer feindlich gesinnten Umwelt.

Wir dürfen vermuten, dass die frühen Menschen sich freizügig an ihrer Umwelt bedienten und jeder gleichen Zugang zu den Ressourcen hatte. Niemand indes misst einer Allmende, einem Gut, das allen zur freien Verfügung steht, einen Wert bei. Im Gegenteil, durch Verschwendung und Achtlosigkeit kann Gemeindeeigentum die »Ursache allen Übels« sein, fasst der amerikanische Ökologe Garrett Hardin eine lebenslange Beschäftigung mit dem Thema zusammen. Und der kanadische Ökonom Scott Gordon ergänzt den Gedanken: »Weil jeder, der so tollkühn ist zu warten, bis er an die Reihe kommt, schließlich feststellen muss, dass andere seinen Teil bereits weggenommen haben.« Unter dieser Voraussetzung drohen Vorräte rasch zur Neige zu gehen. Ohne den Kompromiss als geeignet