Prolog
Mein ganzes Leben lang habe ich die Dinge falsch herum gemacht. Vielleicht habe ich aber auch alles richtig gemacht. Oder ich habe einfach nur den unkonventionellen Weg genommen. Aus Protest gegen meine klugen, liberalen, liebevollen und akademischen Eltern habe ich mich jedenfalls geweigert zu studieren und stattdessen in Restaurants und Bars gearbeitet. Das hieß aber nicht, dass ich mich nicht weiterbildete. Ich habe gelesen. Vor allem Belletristik und Philosophie. Ich war eine unersättliche Leserin, aber ich wollte selbst entscheiden, was ich las, und keinem universitären Lehrplan folgen. Ich habe auch eine Lehre als Malerin und Dekorateurin begonnen, war Museumsführerin und habe ein Praktikum am Theater gemacht. Mit dem unerträglichen Selbstbewusstsein jugendlicher Selbstsucht sah ich die Welt nur aus meiner eigenen – zugegebenermaßen engen – Perspektive.
Was war falsch daran, den ganzen Tag zu lesen? Meine Meinung zu ändern? Die ganze Nacht zu tanzen? Ich war schnell verliebt und genauso schnell wieder entliebt. Mit zweiundzwanzig Jahren bekam ich eine Tochter. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich vielleicht nicht ewig in Restaurants und Bars arbeiten konnte, und ich fing an zu studieren. Spaß machten mir allerdings nur die Philosophieseminare. Sie waren wie ein Strudel, der mich in eine berauschende Welt des Denkens hineinzog. Mir war, als hätte ich die Antworten auf die grundlegenden Fragen des Lebens entdeckt: Was ist das Böse? Was heißt es, gut zu sein? Wer sind wir? Warum sind wir? Heute, dreißig Jahre später, kann ich mich kaum noch daran erinnern, was ich gelesen habe, aber die Bücher und die Diskussionen mit meinen Professoren und Kommilitonen gaben mir das Rüstzeug zum Denken und Hinterfragen. Und ich fing an, Geschichte nicht mehr als eine Abfolge von Ereignissen und Daten zu sehen, die wie Perlen an einer Schnur aufgereiht sind, sondern als ein zusammenhängendes Netz. Ich begann, die Gegenwart aus der Perspektive der Vergangenheit zu betrachten.
Ich nahm das Leben jetzt etwas ernster, traf aber weiterhin impulsive Entscheidungen. Ich fühlte mich frei und war fest entschlossen, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Vielleicht waren einige meiner Entscheidungen leichtsinnig, aber es waren eben meine Entscheidungen – zumindest dachte ich das. Heute weiß ich natürlich, dass ich mich nur deshalb so verhalten konnte, weil ich wusste, dass ich, wenn alles schiefging, immer an die Tür meiner Eltern klopfen konnte.
Schließlich hatten meine Eltern mir beigebracht, meinen Träumen zu folgen. Wie sie selbst, als sie in den 1960ern von Deutschland nach Indien zogen, um dort für den Deutschen Entwicklungsdienst zu arbeiten. Hatte die Kindheit meiner Eltern in den Luftschutzkellern des Zweiten Weltkriegs begonnen, so war meine Kindheit von den knalligen Farben Indiens geprägt. Als sie 1966 ein Flugzeug bestiegen, ließen sie ein sicheres Leben zurück. Meine Mutter gab ihren Job als Sekretärin auf und mein Vater seine Arbeit in einer Provinzbank. Sie kehrten mit zwei kleinen Kindern zurück und fingen neu an. Beide waren zu diesem Zeitpunkt Anfang dreißig und besuchten – als Erste in ihren Familien – eine Universität. Meine Mutter wurde Lehrerin und mein Vater ein renommierter Akademiker in der Friedens- und Konfliktforschung.
Als meine Tochter sechs Jahre alt war, zogen wir von Deutschland nach England. Das war eine spontane Entscheidung. Ich brach mein Studium ab, verkaufte meine wenigen Besitztümer und ging nach London. Ich war eine alleinerziehende Mutter mit einer halb abgeschlossenen Ausbildung, einem Koffer voller Bücher, ohne Einkommen und mit einem scheinbar unerschöpflichen Vorrat an Selbstvertrauen. Ich zog zu einer Freundin (der besten Art von Freundin), bewarb mich um ein Stipendium und begann (und beendete) einen neuen Masterstudiengang in London. Ich habe hart gearbeitet. Ich hatte meine Zweifel, ich machte mir Sorgen, und wir haben uns durchgeschlagen. Gerade so. Aber es war ein Leben voller Liebe, Wärme und Glück. Ich war wohl impulsiv, aber auch immer ausgesprochen gut organisiert und strukturiert. Es war keine chaotische Impulsivität, sondern eine lebensbejahende.
In England habe ich meine Stimme gefunden, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fand sie in einer Sprache, die nicht meine Muttersprache war. Und ich wurde Schriftstellerin. Ich war älter, aber immer noch kein bisschen weiser. Na ja, mag mancher fragen, es gibt doch sicher besser bezahlte Jobs? Ja, aber keinen, den ich so sehr liebe. An den meisten Tagen fühlt sich mein Job nicht wie Arbeit an. Ich möchte genau das tun. An jedem einzelnen Tag in meinem Leben. Schreiben. Geschichten erzählen. Versuchen, die Vergangenheit zu verstehen, damit ich etwas über die Gegenwart lernen kann. Ich habe Glück. Unglaubliches Glück. Das alles hätte auch fürchterlich schiefgehen können. Ist es aber nicht. Bis jetzt hatte ich das Privileg,mein Leben zu leben. Und ich bin mir sehr wohl bewusst, dass es vielleicht nicht immer so bleiben wird.
Es gab Zeiten, in denen mein unbändiger Drang nach Unabhängigkeit egoistisch wurde. Ich bin mir sicher, dass meine Tochter lieber nicht so oft umgezogen wäre, wie wir es getan haben. Aber trotz dieser ständigen Veränderungen hat sie sich zu einem ganz wunderbaren Menschen entwickelt. U