: Julia Kröhn
: Die Welt gehört uns - Eine unmögliche Freiheit - Roman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641281298
: Die Buchhändlerinnen von Frankfurt
: 1
: CHF 3.60
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine Liebeserklärung an die Kraft der Bücher! Die neue Reihe der SPIEGEL-Bestsellerautorin und Historikerin Julia Kröhn.

Frankfurt, 1965: Zwanzig Jahre hat Ella erfolgreich das »Bücherreich« geführt, doch nun herrscht Zwist: Ihre deutlich jüngere Schwester Luise hat die schnulzigen Bücher satt. Ihr Kopf ist voller neuer, unerhörter Ideen, zu denen sie der charismatische und politisch aktive Student Thilo anstiftet. Zunächst steht Ella diesen ablehnend gegenüber. Doch dann bringt Luise sie dazu, ein dunkles Kapitel ihrer Vergangenheit aufzuschlagen. Ella erinnert sich wieder, was sie einst als Verlegerin angetrieben hat: der Glaube, dass Bücher Menschen aufrütteln und die Welt verändern können. Werden sie ihr nun auch helfen, endlich ihr Glück zu finden?

»Die Buchhändlerinnen von Frankfurt« von Julia Kröhn:
1. Die Gedanken sind frei
2. Die Welt gehört uns

Die große Leidenschaft von Julia Kröhn ist nicht nur das Erzählen von Geschichten, sondern auch die Beschäftigung mit Geschichte: Die studierte Historikerin veröffentlichte – teils unter Pseudonym – bereits zahlreiche Romane, die sich weltweit über eine Million Mal verkauft haben. Ihr größter Erfolg hierzulande war »Das Modehaus«, ein Top-20-SPIEGEL-Bestseller; zuletzt widmete sich Julia Kröhn ihrem Herzensthema: den Büchern. In ihrer Dilogie »Die Buchhändlerinnen von Frankfurt« erzählt sie die Geschichte einer Verlagsbuchhandlung aus der Perspektive zweier Schwestern, von der Nachkriegszeit bis zur Studentenrevolte. In ihrem neuen Roman »Papierkinder« errichtet sie den historischen Kinderrechtlerinnen Emma Döltz, Clara Grunwald und Eglantyne Jebb ein fiktionales Denkmal in Form eines mitreißenden Romans.

1. KAPITEL


»Nein«, sagte Lilo Brinkmann bedauernd, »heute werde ich kein Buch kaufen.«

Ella blickte sie verwundert an. Lilo war nicht nur ihre beste Freundin, sondern auch ihre treueste Kundin. Sie hatten an der großen Theke desBücherreichs geplaudert, und eben hatte Ella sich abwenden, aus den Regalen einige Bücher ziehen und deren Lektüre empfehlen wollen. Sie wusste genau, was Lilo gefiel. Als vor zwei JahrenAngélique, die Rebellin erschienen war, hatte Lilo den Roman ebenso begeistert verschlungen wie die kürzlich erschienene FortsetzungAngélique und ihre Liebe. Der neue Band der Reihe würde auf sich warten lassen, aber Ella hatte schon eine Idee, was sie ihr stattdessen schmackhaft machen konnte: MitCathérine von Juliette Benzoni würde sie nichts verkehrt machen und ebenso wenig mit den Verkaufsschlagern von Konsalik und Simmel.

Doch Lilo schüttelte energisch den Kopf. »Du weißt doch, Ella: Mit dem Lesen ist es so ähnlich wie mit meinen geliebten Marzipanpralinen. Am Abend sagt man: Ich lese nur noch eine Seite. Dabei weißt du genau, wie es endet: Bald ist Mitternacht vorbei, man kann immer noch nicht aufhören, und am nächsten Tag wird man nicht mal unter der eiskalten Dusche wach.«

Ella musste unwillkürlich an ihre Mutter denken, die das Lesen mit dem Genuss von heißer Schokolade verglichen hatte, aber sie vermied, sie zu erwähnen. Lilos Mutter Hertha, mit der die unverheiratete Tochter bis zuletzt zusammengelebt hatte, war erst vor wenigen Monaten verstorben, und Ella wollte nicht an die Trauer ihrer Freundin rühren. »Pralinen kann ich dir nicht anbieten, die bekommst du im Feinkostladen nebenan.«

»Aber ich darf doch nichts Süßes essen! Erinnerst du dich nicht an das Buch, das ich letztens bei dir gekauft habe?«

Ella musste kurz nachdenken, ehe ihr einfiel, dass nicht nur Liebesromane zu Lilos bevorzugter Lektüre gehörten, sondern auch Ratgeber wie Dr. Donald G. CooleysWunderkur.

Schon begann Lilo den täglichen Speiseplan vorzubeten, den sie dem Buch entnommen hatte und an den sie sich nun sklavisch hielt: Ihr Tag begann mit einem pochierten Ei und einer Scheibe Knäckebrot. Zum Mittagessen wurden frischer Spinat, Orange und Magermilch aufgetischt. Das Abendessen bestand aus Gemüsebrühe oder gegrilltem Fisch.

Als Lilo ansetzte, die Kalorientabelle, die am Ende des Buchs angehängt war, herunterzurattern, hob Ella abwehrend die Hand. Sie selbst ließ sich in einem Stehcafé in der Schillerstraße oft eine Mohnschnecke oder ein Stück Streuselkuchen schmecken – da wollte sie gar nicht wissen, wie ihre kleinen Sünden zu Buche schlugen.

»Außerdem habe ich mir die in derWunderkur empfohlenen zwei Körperbürsten gekauft«, sagte Lilo. »Mit der einen reibt man sich unter heißem Wasser ab, mit der anderen unter kaltem.«

Ella verstand nicht recht, warum man hierfür nicht ein und dieselbe Bürste verwenden konnte. Aber viel wichtiger war die Frage: Wie konnte man freiwillig auf ein neues Buch verzichten, nur weil man keine Praline dazu essen durfte?

»Dann und wann wird eine Praline doch gestattet sein«, versuchte Ella das Thema umzulenken.

»Nein, nein, ich verzichte auf ein neues Buch.«

Seufzend verabschiedete Lilo sich. Als sie einen letzten Blick auf die übervollen Regale warf, schien es, als würde sie im letzten Moment doch noch schwach werden. Aber dann spiegelte ihre Miene die Entschlossenheit eines Priesters wider, der ein für alle Mal der Versuchung abschwört.

Sobald ihre Freundin den Laden verlassen hatte, sa