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Die Einheimischen nennen das Polizeipräsidium denPalast derSchneekönigin. Dabei gibt es weder eine Schneekönigin noch einen Palast. Nur zwei moderne, sich in die Höhe schraubende Gebäudeflügel mit Milchglasfassade, die durch einen Backsteinoriginalbau verbunden sind. Dieser duckt sich zwischen die beiden hell strahlenden Anbauten, als schäme er sich für seine dunkle Vergangenheit.
Den Mauern dieses Mittelteils sieht man das Alter an; die unzähligen Jahre voller Tragödien, Anschuldigungen, geflüsterter Berichte, Geständnisse und vergossener Tränen. Von den strahlenden Fassaden des Schneepalasts prallt all dies ab. Und je länger ich dem Beamten Driessen in seinem Büro gegenübersaß, desto mehr kroch mir die Kälte trotz der Winterstiefel von den Füßen langsam nach oben in die Schultern, als wären die weiß gestrichenen Wände tatsächlich aus Eis. Ich versuchte zu begreifen, was geschehen war, aber es wollte mir nicht recht gelingen. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass eine meiner Figuren nach Kapitolo kommen würde. Ich hielt mein Schreiben für unbedenklich und ungefährlich, genau wie mich.
Bei der VdF sah man das offenbar anders. Peer Driessen hatte den Fall wenige Stunden zuvor übertragen bekommen ebenso wie die Koordination mit den zuständigen Beamten der Mordkommission. Er war ein hohes Tier innerhalb der VdF, sein Foto fand sich häufig in Zeitungen und seine Stellungnahmen in Fernsehsendungen. Obwohl erst Ende vierzig, war er bereits seit über zehn Jahren das öffentliche Gesicht der VdF und galt als Hardliner, was die Bestrafung von Autoren und Figuren betraf. Er war tadellos höflich, dabei jedoch keineswegs freundlich. Über der dunklen Hose trug er ein Hemd ohne Schlips, die Ärmel waren nachlässig hochgekrempelt. Doch die Arbeit hatte Spuren hinterlassen. Er besaß tiefe Falten, die sich von den Augenwinkeln über die Wangen bis unter die Ohren zogen, und sah aus wie jemand, der dringend Urlaub benötigte.
Das Licht einer schlichten weißen Deckenlampe bot gerade genug Helligkeit, um Papiere lesen zu können, während es um jeden Gegenstand einen Schattenkragen legte. Hinter dem Schreibtisch hing ein schmales Regal, auf dem zahlreiche gerahmte Fotos standen. Sie zeigten Driessen dabei, wie er entflohene Figuren in Gewahrsam nahm und sie ihrer Strafe zuführte, es waren Ausschnitte seiner anhaltenden erfolgreichen Karriere.
Ich erkannte nicht alle Figuren, die darauf abgebildet waren, nur ein paar. Oskar Matzerath. Sancho Panza. Alexej Wronskij. Das waren spektakuläre Fälle gewesen, weil ihre Autoren bereits verstorben waren und somit nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Die Zeitungen hatten seitenweise darüber berichtet. Mein Blick glitt über die Gesichter, während sich das Zittern meiner Hände verstärkte. Schließlich blieb er an einem Bild hängen, das sich vor vielen Jahren tief in mein Gedächtnis eingegraben hatte.
Driessen hatte einen jungen Mann am Oberarm gepackt, die andere Hand auf seinen Kopf gelegt, während er ihn auf die Rückbank eines Polizeiwagens schob. Der Blick der Figur war der eines eingesperrten Tiers, ihr NameHolden Caulfield. Es hatte sich um einen der wenigen Fälle gehandelt, in denen Leute gegen die Verurteilung einer Figur protestiert hatten, weil sie nicht glauben konnten, dass ausgerechnet Salingers beliebter Protagonist Enten in einem Park abgeschossen haben sollte. Salinger war zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden und danach aus Kapitolo fort- und wieder in seine Hei