: Kate Kowalski
: Die geflohene Geschichte Roman
: Heyne Verlag
: 9783641291952
: 1
: CHF 10.80
:
: Fantasy
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Worte haben Macht, das weiß jeder in der Schriftstellerstadt Kapitolo. Denn aus Worten werden Figuren und Figuren werden lebendig. Deshalb muss jeder, der des Schreibens mächtig ist, seine Fingerabdrücke und eine Speichelprobe abgeben – sollte eine Figur aus ihrer Geschichte entkommen, können die Behörden so den Schöpfer der Figur identifizieren, der diese dann in die Geschichte zurückschreiben muss. Die leidenschaftliche Fantasy-Autorin Kate hatte bisher noch nie Probleme mit ihren Figuren. Umso erstaunter ist sie, als sie eines Nachts von der Polizei aus dem Bett geklingelt wird: Eine ihrer Figuren soll einen Mord begangen haben. Für Kate beginnt ein Abenteuer, in dem sie nicht nur ihre Figur finden und ihren guten Ruf retten muss, sondern auch einem Geheimnis aus der Vergangenheit auf die Spur kommt ...

Kate Kowalski hat schon in ihrer Jugend Geschichten erfunden und aufgeschrieben. Bereits ihr Debüt »Untergehen bei Ebbe« war ein literarischer Erfolg und wurde in zwölf Sprachen übersetzt. Inzwischen hat sie über zwanzig Romane in verschiedenen Genres veröffentlicht. Sie lebt und arbeitet noch immer im Gartenviertel von Kapitolo, wo sie sich eine Wohnung mit der ehemaligen Straßenkatze Möbius und zu vielen Spinnen teilt. Die spektakuläre Geschichte ihrer Flucht vor der Polizei in den Untergrund Kapitolos verarbeitete sie in der hier vorliegenden romanhaften Autobiografie. Es ist ihr erstes Buch nach einer zweijährigen Schreibpause.

3


Die Einheimischen nennen das Polizeipräsidium denPalast derSchneekönigin. Dabei gibt es weder eine Schneekönigin noch einen Palast. Nur zwei moderne, sich in die Höhe schraubende Gebäudeflügel mit Milchglasfassade, die durch einen Backsteinoriginalbau verbunden sind. Dieser duckt sich zwischen die beiden hell strahlenden Anbauten, als schäme er sich für seine dunkle Vergangenheit.

Den Mauern dieses Mittelteils sieht man das Alter an; die unzähligen Jahre voller Tragödien, Anschuldigungen, geflüsterter Berichte, Geständnisse und vergossener Tränen. Von den strahlenden Fassaden des Schneepalasts prallt all dies ab. Und je länger ich dem Beamten Driessen in seinem Büro gegenübersaß, desto mehr kroch mir die Kälte trotz der Winterstiefel von den Füßen langsam nach oben in die Schultern, als wären die weiß gestrichenen Wände tatsächlich aus Eis. Ich versuchte zu begreifen, was geschehen war, aber es wollte mir nicht recht gelingen. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass eine meiner Figuren nach Kapitolo kommen würde. Ich hielt mein Schreiben für unbedenklich und ungefährlich, genau wie mich.

Bei der VdF sah man das offenbar anders. Peer Driessen hatte den Fall wenige Stunden zuvor übertragen bekommen ebenso wie die Koordination mit den zuständigen Beamten der Mordkommission. Er war ein hohes Tier innerhalb der VdF, sein Foto fand sich häufig in Zeitungen und seine Stellungnahmen in Fernsehsendungen. Obwohl erst Ende vierzig, war er bereits seit über zehn Jahren das öffentliche Gesicht der VdF und galt als Hardliner, was die Bestrafung von Autoren und Figuren betraf. Er war tadellos höflich, dabei jedoch keineswegs freundlich. Über der dunklen Hose trug er ein Hemd ohne Schlips, die Ärmel waren nachlässig hochgekrempelt. Doch die Arbeit hatte Spuren hinterlassen. Er besaß tiefe Falten, die sich von den Augenwinkeln über die Wangen bis unter die Ohren zogen, und sah aus wie jemand, der dringend Urlaub benötigte.

Das Licht einer schlichten weißen Deckenlampe bot gerade genug Helligkeit, um Papiere lesen zu können, während es um jeden Gegenstand einen Schattenkragen legte. Hinter dem Schreibtisch hing ein schmales Regal, auf dem zahlreiche gerahmte Fotos standen. Sie zeigten Driessen dabei, wie er entflohene Figuren in Gewahrsam nahm und sie ihrer Strafe zuführte, es waren Ausschnitte seiner anhaltenden erfolgreichen Karriere.

Ich erkannte nicht alle Figuren, die darauf abgebildet waren, nur ein paar. Oskar Matzerath. Sancho Panza. Alexej Wronskij. Das waren spektakuläre Fälle gewesen, weil ihre Autoren bereits verstorben waren und somit nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Die Zeitungen hatten seitenweise darüber berichtet. Mein Blick glitt über die Gesichter, während sich das Zittern meiner Hände verstärkte. Schließlich blieb er an einem Bild hängen, das sich vor vielen Jahren tief in mein Gedächtnis eingegraben hatte.

Driessen hatte einen jungen Mann am Oberarm gepackt, die andere Hand auf seinen Kopf gelegt, während er ihn auf die Rückbank eines Polizeiwagens schob. Der Blick der Figur war der eines eingesperrten Tiers, ihr NameHolden Caulfield. Es hatte sich um einen der wenigen Fälle gehandelt, in denen Leute gegen die Verurteilung einer Figur protestiert hatten, weil sie nicht glauben konnten, dass ausgerechnet Salingers beliebter Protagonist Enten in einem Park abgeschossen haben sollte. Salinger war zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden und danach aus Kapitolo fort- und wieder in seine Hei