MÜNCHEN
Samstag, 26. August 1972, 14.58 Uhr
So lange habe ich auf diesen Tag hingefiebert. Und nun, da er endlich gekommen ist, fühlt er sich unwirklich an.
ANGELIKANOWAK
Sie war in Versuchung, die schweißnassen Hände an ihrer grünen Hose abzuwischen. Doch Angelika riss sich zusammen. Noch zwei Minuten, dann würden die Ersten sich in Bewegung setzen und in das Stadion Einzug halten. Allein bei dem Gedanken bekam sie eine Gänsehaut.
»Wird schon«, sagte Monika Klinger aufmunternd, eine der Leichtathletinnen, die auch schon an den Olympischen Spielen vor vier Jahren in Mexiko teilgenommen hatte.
Angelikas Hals war zu trocken, als dass sie auch nur einen Ton hätte hervorbringen können. Also nickte sie stumm.
Die Leichtigkeit, die sie in den letzten Tagen gespürt hatte, war wie weggeblasen. Jetzt wurde es ernst. Es würde wirklich losgehen, die Spiele würden beginnen. Seit fünfzig Jahren wäre das Bogenschießen erstmals wieder olympische Disziplin und sie die Einzige, die für das Team derDDR antrat. Die Hoffnungen – oder besser die Erwartungen, die auf ihr lasteten – waren gewaltig.
Sie würden an zweiundzwanzigster Stelle in das Olympiastadion einlaufen. Die Männer in schwarzen Hosen, blauen Sakkos und mit orangefarbenen Krawatten, die Frauen in verschiedenen bunten Tönen, wobei Bluse und Hose die gleiche Farbe hatten. Angelika wäre ein schönes Gelb, Orange oder sogar Rosa lieber gewesen. Doch sie hatte nicht selber wählen dürfen und musste nun in einem knalligen Grün den Einzug der Nationen begehen.
Sie reckte den Hals. Die dänische Fraktion hatte sich soeben in Bewegung gesetzt, danach folgte die wesentlich kleinere Abordnung aus Dahomey, dann würden sie an der Reihe sein. Angelika atmete tief durch. Von hinten wurde ein wenig geschoben. Offenbar drängten die Wartenden. Der Lärm der applaudierenden Zuschauer auf den Rängen schwoll mehr und mehr an. Hier unten zu stehen, unmittelbar vor dem Zugang zum Stadion und mit den Zuschauern über sich, hatte etwas Bedrohliches an sich. Sie zuckte zusammen, als die junge blonde Frau mit dem weißen Schild, auf dem in GroßbuchstabenDDR stand, sich kurz umdrehte und ihnen ein Zeichen gab. Die Frau setzte sich in Bewegung, und alle folgten ihr. Angelika klopfte das Herz bis zum Hals. Schritt für Schritt gingen sie durch den dunklen Zugang dem Licht entgegen und betraten das Stadion. Jubel brandete auf. Als sie den Tunnel hinter sich ließen, atmete Angelika erleichtert aus. Die Menschen auf den Rängen boten ein buntes Bild, ihre Mienen verrieten Vorfreude und Begeisterung. Ein Orchester spielte, aus den Lautsprechern schallte die Stimme Joachim Fuchsbergers, den sie aus den Edgar-Wallace-Streifen kannte. Ihre Eltern hatten fast jeden der Filme, die im Westfernsehen ausgestrahlt wurden, gesehen, und ihre Mutter schwärmte für den Schauspieler. Nun sagte ausgerechnet er das Team derDDR an, von dem auch sie ein Teil war. Wenn auch nur ein kleiner. Angelika überlief eine Gänsehaut. Die Sportler marschierten im Takt der Musik und winkten den applaudierenden Zuschauern ebenfalls begeistert zu. Angelika sah nach oben, während sie wie alle anderen Athleten ohne Unterlass winkte. Das Dach des Stadions sah von hier unten wie ein aufgeschnittener Ball aus, der in mehreren Lagen an Drähten befestigt war. Sie hatte nie zuvor etwas Vergleichbares gesehen, und schon die Konstruktion dieses Bauwerks machte deutlich, dass sie sich hier in einer fremden, für sie ganz neuen Welt befand.
Als sie erfahren hatte, dass sie sich für die Olympischen Spiele qualifizieren durfte, hatte sie ihr Glück kaum fassen können. Und dann, als sie es tatsächlich geschafft hatte, erst recht nicht. Nun war sie schon seit Tagen im olympischen Dorf, und irgendwie fühlte sich alles ganz anders an, als sie es sich vorg