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Ein Junge aus Springburn – und stolz darauf
Ich bin aufgewachsen an Orten, wo die Geister der Vergangenheit herumspukten. Meine Spielplätze waren ein verlassenes Lokomotivenwerk, ein riesiger Friedhof und gespenstische Straßen mit geräumten Mietshäusern. Springburn wurde im Zuge des »Slum-Sanierungs«-Programms der konservativen Regierung von Edward Heath in den späten Sechzigerjahren abgerissen; Straße für Straße wurden die Häuser geräumt, bis die Gegend große Ähnlichkeit hatte mit den im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten zerbombten deutschen Städten, die ich auf Fotos in dem Geschichtsbuch meines Vaters gesehen hatte. Es war gruselig und aufregend zugleich. Ein älterer Junge half uns, in die mit Brettern vernagelten Wohnungen und Häuser in der Vulcan Street einzubrechen. Wo einst die Familien der verhassten »Vulcies« (die Straßenbande, mit der unsere verfeindet war) gewohnt hatten, herrschte nun Leere. Anwohner hatten Tische, Stühle und Betten zurückgelassen, in den verdreckten Waschbecken stand Geschirr, und in den Vorhängen, die man hatte hängen lassen, sammelten sich Staub und Schmutz, der dort bleiben würde bis in alle Ewigkeit. Es herrschte eine Atmosphäre von Flucht und Verlassenheit, als wären die ehemaligen Bewohner vor einer feindlichen Armee geflohen. In gewisser Weise waren sie das auch. Eine einst lebendige Arbeitersiedlung wurde zerstört und durch eine Autobahn ersetzt.
Was ist mit diesen Menschen geschehen? Was wurde aus ihnen? Wohin gingen sie? Folgendes ist mit mir passiert.
Ich kam am 22. Juni 1961 im Rottenrow Maternity Hospital in Cowcaddens, im Herzen des mittelalterlichen Stadtkerns von Glasgow, zur Welt. Es liegt ein paar Straßen von Provand’s Lordship entfernt, dem ältesten noch erhaltenen Wohngebäude der Stadt, das 1471 erbaut wurde und überragt wird von der Kathedrale – im zwölften Jahrhundert an der Stelle erbaut, wo St. Mungo, der Schutzheilige der Stadt, einst seine erste Kirche errichtet hatte. Ganz in der Nähe befindet sich der Necropolis-Friedhof – der Père Lachaise von Glasgow –, auf dem die Industriellen und Kaufleute der viktorianischen Ära, die Zuckerimporteure und Tabakbarone der Stadt, begraben sind, von denen einige ihren Reichtum der Sklaverei verdankten. Auf dem Gipfel des höchsten Hügels der Nekropole steht die Statue von John Knox, dem Begründer des schottischen Presbyterianismus. Seine kalten, frommen Augen sind wachsam und streng auf das sündige Treiben zu seinen Füßen gerichtet. Dort steht auch die Statue von König Wilhelm von Oranien auf dem Cathedral Square. Meine Oma erzählte mir, dass jeden Sommer am Jahrestag der Schlacht am Boyne betrunkene Katholiken vorbeizogen, um König Billy mit Flaschen zu bewerfen. Religion, Gewalt und Alkohol sind in Glasgow untrennbar miteinander verbunden.
Das gälische Wort »Rottenrow« bedeutet übersetzt »Straße der Könige«. Es ist außerdem ein althergebrachter englischer und schottischer Name für eine Straße, die gesäumt ist von Reihen rattenverseuchter Hütten. Man könnte also sagen, dass ich in einer rattenverseuchten Straße d