1. KAPITEL
»Meine liebe Klara hielt sich gerne unter Menschen auf und war immer freundlich zu ihnen. Sie ließ sich nie aus der Ruhe bringen, reagierte stets geduldig, schenkte nicht nur unserer Kundschaft ihr feines Lächeln, sondern auch dem Postboten und den Lastenträgern. Doch insgeheim war sie am glücklichsten, wenn sie sich zurückziehen und es sich mit einem Buch gemütlich machen konnte. Natürlich gehörte dazu auch eine große Tasse mit heißer Schokolade, die unter einer cremigen Sahnewolke dampfte.«
Ella entging nicht, dass die Stimme ihres Vaters zitterte. Als er vor das offene Grab am Höchster Friedhof getreten war, hatte er kurz gezögert, die Verstorbene zu würdigen. Doch sobald er seine Rede begonnen hatte, wollte er nicht wieder aufhören. »Klaras Liebe zu Büchern war beständig und tief. Bücher waren ihr kostbar. Wenn sie nach einem griff, das gerade frisch von der Buchbinderei kam, streichelte sie zärtlich den Leineneinband, und wenn sie es aufschlug, meinte man, dass sie nicht bloß mit wachem Geist die Zeilen las, nein, mit allen Sinnen schien sie das Buch in dieser Welt willkommen zu heißen. Sie labte sich am süßlichen Duft der Seiten und jenem leisen Knistern beim Umblättern, das in ihren Ohren wie ein himmlischer Chor klang.« Julius Reichenbach hielt inne, ahnte wohl selbst, dass der Grat zwischen Würdigung und Übertreibung schmal war. Etwas weniger schwärmerisch, jedoch entschlossen fuhr er fort: »Ich mag vor der Welt als Besitzer unserer Verlagsbuchhandlung gelten, aber die Herrin über unserBücherreich war stets Klara. Unvergessen bleibt, wie sie, in edlen Brokat gekleidet, unsere Autoren empfing, um sie sodann ins rote Eckzimmer unseres Hauses zu führen, zur Einleitung ein Stück auf dem Klavier zu spielen und schließlich ein anregendes Gespräch über Literatur und Philosophie anzustoßen. Sie beteiligte sich daran stets mit Eifer, bewies immer Feingefühl und Bildung, spielte sich jedoch nie in den Vordergrund.«
Seine Stimme klang nun gepresst. Die Worte mussten ihm schwerfallen, ja selbst das Atemholen war inzwischen eine Anstrengung.
Ella hatte kein Mitleid mit ihm. Warum machst du dich wichtig, obwohl es dir nicht zusteht, am offenen Grab zu stehen und auch nur ein Wort über Mutter zu verlieren?
Der Drang, ihn von dort zu verjagen, wurde beinahe übermächtig. Nur weil sie Luise, ihre zweijährige Schwester, auf dem Arm hatte, unterdrückte sie ihn. Zum Glück hielt die Kleine endlich still und wollte nicht länger dem Eichhörnchen, das dort drüben am Gebüsch eine Eichel verspeiste, hinterherjagen. Stattdessen beobachtete sie den Vater und die anderen Trauergäste aus großen, dunklen Augen. Ihr erschien das alles wohl wie ein interessantes Spiel, Ellas Trauer um die Mutter teilte sie nicht. Als die beiden Reichenbach-Mädchen damals nach einer der ersten schlimmen Bombennächte die Frankfurter Innenstadt verlassen hatten, um für eine Weile bei den Großeltern in Höchst zu leben, war Luise noch kein Jahr alt gewesen. Die Erinnerung an die Mutter, die sie nur unregelmäßig besucht hatte, war rasch verblasst, und als sie im Sommer nach Kriegsende zurück zu den Eltern kamen, war Klara Reichenbach schon so geschwächt gewesen, dass sie Luise kaum mehr über den Kopf streicheln konnte.
»Ich will außerdem betonen, dass es unsere Verlagsbuchhandlung ohne Klara nie gegeben hätte«, fuhr der Vater unterdessen fort. »Gewiss, als wir heirateten, war aus dem Großhandelsgeschäft für Indigo- und Farbwaren, das mein Urgroßvater einst in Bockenheim gegründet hat, längst ein Buchgeschäft hervorgegangen. Doch nur weil sie selbiges mit so viel Umsicht, Geschick und Energie leitete und formte, konnte der Reichenbachverlag mit angeschlossener Sortimentsbuchhandlung gegen die Konkurrenz bestehen. Nie fehlte es ihr an weiser Voraussicht, welches Druckwerk höchsten Gewinn oder literarischen Ruhm verspräche, nie an nüchterner Berechnung, die in unserem Gewerbe Hand in Hand