: Jasmin Darznik
: Was wir sahen, was wir träumten Roman. Ein kraftvoller Roman über das bewegte Leben der Fotografie-Ikone Dorothea Lange. Ausgezeichnet von der New York Times als bester historischer Roman 2021
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641279837
: 1
: CHF 3.60
:
: Erzählende Literatur
: German
: 352
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine junge Frau taucht ein in die schillernde Welt der Bohème im San Francisco der 1920er Jahre – und wird zu einer der bedeutendsten Fotografinnen der Welt …

San Francisco 1918: Die junge Dorothea Lange kommt gerade aus New York – im Gepäck ihre Kamera, große Hoffnungen und der Traum, sich als Fotografin einen Namen zu machen. Als sie kurz nach ihrer Ankunft ausgeraubt wird, findet sie unerwartet Hilfe in Caroline Lee, einer temperamentvollen jungen Frau mit asiatischen Wurzeln. Ihre neue Freundin führt sie ein in die schillernde Kunstszene San Franciscos. Carolines Warnungen zum Trotz heiratet sie den brillanten, aber psychisch labilen Maler Maynard Dixon. Die Ehe endete in einem Desaster. Und ein rassistischer Angriff auf ihre Freundin Caroline öffnet Dorothea die Augen für die Realität außerhalb der Künstlerkreise. Mit ihrem unvergleichlichem Gespür für die Kamera gelingt es ihr, diese Missstände festzuhalten und darauf aufmerksam zu machen. Bild für Bild entdeckt Dorothea ihre Bestimmung und wird zu der Künstlerin, deren ikonische Fotografien eine ganze Nation bewegten.

»Ein kraftvoller Roman über eine Frau, die sich über Konventionen hinwegsetzt, um ihrer Leidenschaft zu folgen.« Kirkus Review

Jasmin Darznik wurde in Teheran (Iran) geboren. Sie promovierte in Princeton. Ihre Texte sind mehrfach preisgekrönt und wurden in Zeitungen wirThe New York Times,The Washington PostundLos Angeles Timesveröffentlicht. Jasmin Darznik ist Professorin für Englische Philologie und Kreatives Schreiben an der University of Virginia.

Kapitel 1

FOTOGRAFINUNDJUNGEORIENTALINEROBERNSANFRANCISCOIMSTURM

1918 erschien ein Foto von uns in der Zeitung. Darauf sieht man uns nebeneinanderstehen, ich mit meiner umgehängten Graflex, Caroline mit einem bezwingenden Lächeln. Sie trägt eine Tunika mit langen Glockenärmeln und einer breiten Satinschärpe um die Taille. Es hat etwas von einer Kostümierung, was auch für meine Aufmachung gilt: ein Kleid aus fließendem Pannesamt, ein Satz Silberreife an jedem Handgelenk und ein langer Paisley-Schal. Beide tragen wir einen Bubikopf, nur habe ich dicke, dunkelblonde Locken und ihre Haare sind schwarz und glatt. Carolines kajalumrandete Augen schimmern, aber weil es eine Schwarz-Weiß-Fotografie ist, erkennt man ihre Farbe nicht, die Farbe von geschliffenem Glas.

Wann immer ich in den nächsten Jahren das Foto betrachtete, fühlte ich mich in unser Atelier in der Sutter Street 540 in San Francisco zurückversetzt – die 540, wie wir es nannten. Als wären wir nach wie vor dort, Caroline und ich, voller Hoffnung und ganz in unserem Element. Beide hatten wir so lange mit dem Gefühl gelebt, nirgendwohin zu gehören, dass wir glaubten, nur uns selbst zu haben. Zur Zeit der Aufnahme hatten wir in dem Atelier unser Zuhause gefunden, ein Zuhause, das wir mit schierer Willenskraft aus dem Nichts geschaffen hatten. Wir arbeiteten achtzehn Stunden am Tag, von Montag bis Samstag, und auch wenn uns das an den Rand der Erschöpfung brachte, genossen wir doch jede Minute dort. Am allerschönsten waren die Abende, an denen unsere Freunde vom Monkey Block herüberkamen. Jeder brachte jemanden mit, und die 540 war erfüllt von Musik und Tanz und lebhaften Gesprächen.

Nach zwei Jahren war alles vorbei, und ich war wieder auf mich allein gestellt.

Nachdem der Skandal bekannt geworden und Caroline verschwunden war, stand mir die ganze Geschichte schlagartig vor Augen. Was passiert war und was ich nie ungeschehen machen könnte. Ich sah Caroline auf dem Boden sitzen, die Knie bis zum Kinn hochgezogen, den Kopf gesenkt. Dann sah ich sie den Blick heben und mich geistesabwesend anstarren. Ich sah den Schatten auf ihrer Wange, der bis zum Morgen lila verfärbt sein würde.

Hätte ich nur meine Graflex hervorholen, die Objektivkappe abnehmen und ein Foto machen können, dann hätte es einen Beweis gegeben. Aber ich konnte nicht. Ich liebte sie so sehr, dass ich es nicht über mich brachte, ihren Schmerz festzuhalten. Die Geschichte war jedoch auf jedem meiner späteren Fotos, sowohl jenen, die bekannt wurden und in Erinnerung blieben, als auch jenen, die nie veröffentlicht, die zerstört oder vergessen wurden. Besonders auf denen. Es ist ein Bild, das sich nie verändert oder verblasst, auch wenn nur ich von ihm weiß.

Will man ein wahrhaft gutes Bild von etwas machen, dann muss man es wirklich sehen, nicht nur anschauen. Ich habe einmal gesagt, dass eine Kamera dabei ein guter Lehrmeister ist, aber manchmal steht sie einem auch im Weg. Das begriff ich in jener Nacht. Nach so vielen Jahren versetzt mich das Bild augenblicklich zurück nach San Francisco, in ein Fotoatelier in der Sutter Street 540, in eine verwüstete Dunkelkammer, in der eine Geschichte endete und eine andere begann.

Die erste und wichtigste Lektion nach meiner Ankunft in San Francisco war die, wie es sich anfühlt, wenn man allein ist und keinen Penny besitzt, wenn die einzigen Verbindungen zur Welt Angst, Hunger und Mangel sind. Damals fing alles für mich an.

Im Frühling 1918 brach ich auf. Ich war fast dreiundzwanzig, neugierig und ungeduldig und hatte mir gerade den Bubikopf schneiden lassen. Tausend Ideen gingen mir durch den Kopf, wer, was und wo ich sein wollte. Zwei Jahre lang hatte ich mir jeden Penny vom Mund abgespart, und so steckten jetzt einhundertzweiundvierzig Dollar in meiner Börse. Zwei Jahre, die ich in selbst genähten Kleidern und mit geborgten Büchern und Makrelenresten oder Dosenbohnen auf trockenem Schwarzbrot im Henkelmann verbracht hatte, aber ich hatte es geschafft. Das war mein letzter Winter an der Ostküste. Nichts konnte mich dort noch halten.

Von New Jersey au