Vorspiel
Der Fall der Götter
Franz Beckenbauer, George Best, Diego Maradona, Sócrates, Michel Platini, Mesut Özil
Diese unglaublichen Spieler zu erleben bedeutete für viele Millionen Menschen rund um den Globus ein großes Glück. Mit ihrem hinreißenden Spiel verkörperten sie zu ihren besten Zeiten die Essenz des schönen Fußballs, sein Wesen, seine Leichtigkeit. Doch sie alle, die den Fußballhimmel berührten, erlebten und erlitten tiefe Abstürze. Manche wurden zu Höllentrips, denen nur der Tod ein Ende setzen konnte.Maradona (2020),Sócrates (2011) undBest (2005) vernichteten ihre Körper durch Kokain, Alkohol und andere Drogen.Beckenbauer undPlatini kosteten ihre späten Abstürze als Fußballfunktionäre, bei denen es um Millionenzahlungen und Korruption ging, Amt und Ehre. UndÖzil verlor seine Heimat, seine deutsche Heimat.
Das, was sie über die Zeiten und Generationen hinweg verbindet, lässt sich erst erkennen, wenn man diese Begnadeten gemeinsam in den Blick nimmt. Dann werden neben der Genialität, die sie eint, auch andere Parallelen sichtbar, die für ihre Abstürze wichtige Rollen spielten.
Zweifellos waren die Verlockungen für diese Ausnahmeerscheinungen groß, sich auch nach dem Abpfiff weiter als jene Ikonen und Kunstfiguren zu begreifen, zu denen sie sich auf dem Spielfeld selbst gemacht hatten. Oder zu denen sie gemacht wurden. So gehörten alle diese Fußballgötter des letzten halben Jahrhunderts irgendwann nicht mehr sich selbst. Die Wirklichkeit präsentierte ihnen schonungslos die Rechnung. Eine Wirklichkeit allerdings, der sich die Auserwählten schon kaum mehr zugehörig fühlten, gleichgültig, zu welcher Zeit sie lebten. Götter akzeptieren keine Richter, zumindest keine weltlichen. Auch die Fußballgötter taten es nicht.
Der Preis, den sie am Ende bezahlen mussten, lässt sich mit ihren menschlichen Schwächen allein nicht hinreichend erklären. Klar ist: Auch der jeweilige Zeitgeist wurde ihnen irgendwann zum Feind. Ein tückischer, unsichtbarer Feind, der sich den meisten erst im Nachhinein zu erkennen gegeben hat, wenn überhaupt.
In den Abstürzen der Fußballheroen wird auch ihre Einsamkeit spürbar. Obwohl sie stets einer Mannschaft angehörten und in ihrer Genialität immer auch als Teil eines Teams wahrgenommen wurden, standen sie am Ende meist allein da. Zu ihrem Leben im Profigeschäft gehört untrennbar die Erfahrung, dass sich auch innerhalb einer Mannschaft jeder immer selbst der Nächste ist. Und Loyalitäten nur so lange bestehen, wie sie Erfolg versprechen.
Was die Lebenswege vonMaradona,Beckenbauer undPlatini angeht, kommt der dunklen Seite der überbordenden, wilden und maßlosen 80er-Jahre eine zentrale Rolle zu. In dieser exzentrischen, glamourösen und materialistischen Zeit, die immer auch starke zerstörerische und selbstzerstörerische Züge in sich trug und in der es ausgesprochen respekt- und distanzlos zuging, konnten sich Superstars plötzlich alles leisten. Sicher, Geld war schon immer wichtig gewesen, nicht nur in den Achtzigern. Doch erst in dieser Zeit wurden Geld und Äußerlichkeiten zu überragenden gesellschaftlichen Werten, zu ihren Fixpunkten, wie es sie in so hemmungslos ausgelebter Weise seit dem Krieg nicht gegeben hatte. Reichtum entschied nun nicht nur darüber, was man sich kaufen und leisten konnte, sondern auch darüber, was man sich in der Gesellschaft erlauben durfte.
Die WeltstarsMaradona,Beckenbauer undPlatini, deren Mythos nicht zuletzt in jener Zeit entstand und deren Wege sich in den 80er-Jahren immer wieder kreuzten, wurden zu Leitbildern dieser flirrenden Zeit: gut aussehende und millionenschwere Heroen, die begriffen, dass sie sich alles herausnehmen konnten. Und die sich scheinbar für nichts, was sie taten, rechtfertigen mussten. Dieses Spiel jenseits des Rasens ging