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Warum hältst du den Atem an,
Wenn dein Blick auf mir ruht?
Es darf nicht sein, was nicht sein kann –
Als wär es nie passiert.
MARY ELIZABETH COLERIDGE
A Moment
Von allen Paaren, die an diesem Donnerstagabend die Rivoli Bar im Ritz besuchten, war dasjenige, das ganz offensichtlich am meisten Spaß miteinander hatte, eigentlich gar keines.
Cormoran Strike und Robin Ellacott – Privatdetektive, Geschäftspartner und nach eigenem Bekunden beste Freunde – feierten Robins dreißigsten Geburtstag. Beiden war beim Betreten der Bar, die mit ihren dunklen Holzwänden, Goldtönen und Lalique-Milchglas wie ein Art-déco-Schmuckkästchen wirkte, etwas unbehaglich zumute gewesen. Nie zuvor in den beinahe fünf Jahren, in denen sie sich nun kannten, hatten sie sich privat verabredet oder außerhalb des beruflichen Rahmens Zeit miteinander verbracht (von dem Krankenbesuch vor ein paar Wochen einmal abgesehen, als Strike seiner Geschäftspartnerin als Wiedergutmachung für die beiden blauen Augen, die er ihr verpasst hatte, ein Curry mitgebracht hatte).
Noch ungewöhnlicher war, dass beide einigermaßen ausgeschlafen, erholt und wie aus dem Ei gepellt erschienen waren. Robin trug ein figurbetontes blaues Kleid, das frisch gewaschene, lange und rotblonde Haar fiel offen um ihre Schultern. Ihrem Geschäftspartner waren die begehrlichen Blicke der männlichen Gäste nicht entgangen, die sie im Vorbeigehen auf sich gezogen hatte. Strike hatte ihr bereits ein Kompliment für den Opalanhänger gemacht, den sie von ihren Eltern zum Geburtstag bekommen hatte. Im goldenen Licht der Rivoli Bar glänzten die kleinen, kreisförmig um den Stein angeordneten Diamanten wie ein Heiligenschein, und bei jeder Bewegung blitzten feuerrote Funken im Inneren des Opals auf, der sich an ihr Kehlgrübchen schmiegte.
Strike trug seinen besten – italienischen – Anzug, dazu ein weißes Hemd und eine dunkle Krawatte. Er hatte sich den erst kürzlich zugelegten Vollbart abrasiert, wodurch seine Ähnlichkeit mit einem plattnasigen, etwas übergewichtigen Beethoven noch größer geworden war. Das freundliche Lächeln der Kellnerin, die Strike den ersten Old Fashioned des Abends brachte, erinnerte Robin an etwas, das Sarah Shadlock, die neue Frau ihres Ex-Manns, einmal über den Detektiv gesagt hatte:
»Aufgewisse Art ist er echt attraktiv, oder nicht? Ein bisschen zerknittert vielleicht, aber mir würde das nichts ausmachen.«
Das war natürlich eine glatte Lüge gewesen: Sarah mochte gepflegte, gut aussehende Männer. Dass sie Matthew beharrlich und letzten Endes erfolgreich nachgestellt hatte, war der beste Beweis dafür.
Sie saßen sich an einem Zweiertisch auf Stühlen mit Leopardenmusterbezug gegenüber. Strike und Robin waren ihrem anfänglichen Unbehagen durch ein Gespräch über die Arbeit begegnet und hatten einen hochprozentigen Cocktail lang die aktuellen Fälle des Detektivbüros diskutiert. Nun zog ihr immer lauteres Lachen die Blicke der Kellner und Gäste auf sich. Robins Augen leuchteten, ihre Wangen waren leicht gerötet, und selbst Strike, der über wesentlich mehr Körpermasse als seine Partnerin verfügte und durchaus als trinkfest zu bezeichnen war, spürte bereits die angenehm anregende und gleichzeitig entspannende Wirkung des Bourbons.
Nach der zweiten Runde wurde die Unterhaltung persönlicher. Strike, der uneheliche Sohn eines Rockstars, dem er erst zweimal in seinem Leben begegnet war, erzählte Robin, dass sich seine ihm bisher unbekannte Halbschwester Prudence mit ihm treffen wollte.
»Wer war Pru